Ackermanns Vuelta-Wagnis

Spät, später, Vuelta: Für den Deutschen Sprintstar beginnt mit der Spanien-Rundfahrt erst jetzt der Höhepunkt dieser ganz speziellen Saison.
  • Hofft auf die Vuelta: Pascal Ackermann (M). Foto: dpa
Pascal Ackermann ergeht es in diesem Coronaherbst wie praktisch jedem Bundesbürger – eigentlich war alles irgendwie ziemlich anders geplant. „Um diese Zeit ist normalerweise die Saison vorüber, und als Radprofi liegt man da schon am Strand“, sagte Deutschlands bester Sprinter: „Aber der November-Urlaub fällt für uns in diesem Jahr komplett aus.“

Am Dienstag beginnt für den schnellen Mann des Bora-hansgrohe-Teams im baskischen Irun die Vuelta und damit auch der arg späte Höhepunkt dieses außergewöhnlichen Radsport-Jahres: Erst am 8. November endet die traditionell letzte große Rundfahrt des Jahres. Oder besser: soll sie enden. Denn ob die fast dreiwöchige Tour durch die Corona-Hotspots Spaniens wirklich ihr Ziel erreicht, zweifelt auch Ackermann an.

„Meine Saison ist auf die Vuelta ausgerichtet. Ich bin fit und will schon ein, zwei Etappen gewinnen“, sagte der 25 Jahre alte Pfälzer zwar dem Münchner Merkur in einem Interview. Aber: „Den Rest werden wir in Spanien sehen – auch, ob wir überhaupt nach Madrid kommen.“

Es war schon grenzwertig, die Tour de France ab Ende August angesichts stark steigender Fallzahlen in Frankreich bis Paris durchzuprügeln. Ein Vuelta-Finale aber in Madrid auszutragen, wo Einwohner bei einer Inzidenzzahl von teilweise über 1000 manche Stadtteile nicht mehr verlassen dürfen, ist fast schon zynisch.

Um seine eigene Sicherheit macht sich Ackermann weniger Sorgen. „Das Sicherheitskonzept ist immens gut. Wenn sich jeder an die Regeln hält, dann sollte alles gut gehen“, sagte Ackermann am Montag: „Alle Leute im Feld sollten froh sein, dass wir im Moment Rennen fahren können.“

Froh ist Ackermann trotz allem, bei der Vuelta überhaupt dabei zu sein, nachdem sein großes Ziel Tour de France in diesem Jahr erneut ohne ihn stattfand, „Ackes“ immer noch etwas im Schatten seines prominenten Teamkollegen Peter Sagan steht. Die Vuelta wird in Ackermanns viertem Bora-Jahr erst die zweite große Rundfahrt seiner Karriere – nach dem Giro 2019 mit zwei Etappensiegen.

Weitere Siege muss Ackermann liefern, um beste Argumente für einen Tourstart 2021 zu haben. Und deshalb will er sich durch eine Vuelta beißen, die nun fast in die Sparte Wintersport fällt, wenn es beispielsweise auf der sechsten Etappe auf den 2115 Meter hohen Tourmalet geht.

„Wenn man in Form ist und weiß, dass in zwei, drei Tagen wieder eine Etappe ansteht, die man gewinnen kann, quält man sich durch“, sagte Ackermann: „Spaß macht es sicher nicht, bei fünf, sechs Grad durch den Regen zu fahren – aber da müssen wir durch.“

Ackermanns Chancen sind bei der Vuelta rar. „Wir haben nicht viele Sprintetappen, vier an der Zahl. Es sind auch nicht viele Sprinter hier. Das macht es nicht leichter, dass es dann schließlich auch zu Sprintankünften kommt“, sagte Ackermann. Dennoch bleiben Tagessiege das große Ziel: „Für einen Sprinter ist es relativ unmöglich, das Punktetrikot zu gewinnen.“

Ackermanns schärfster Konkurrent ist der Ire Sam Bennett, jüngst immerhin Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France. Gegen seinen ehemaligen Bora-Kollegen will Ackermann bestehen, eine letzte große Anstrengung in diesem irren Jahr. „Ich bin jedenfalls froh, wenn diese Saison vorüber ist“, sagte Ackermann. sid/dpa
© Südwest Presse 20.10.2020 07:45
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