Weißrussland Sport

„Cooler als Olympia“

In Belarus halten die Proteste gegen das Lukaschenko-Regime an. Auch Weltmeisterin Alexandra Gerassimenja erhebt ihre Stimme.
  • Alexandra Gerassimenja wirft dem Nationalen Olympischen Komitee ihres Landes vor, die Repressalien des Staates zu ignorieren. Foto: Petras Malukas
  • Zeichen des Protests: Eine Frau hält einen Teil der weißrussischen Flagge hoch. Foto: Stringer
Alexandra Gerassimenja ist mehrfache Schwimmweltmeisterin – und macht wie andere weißrussische Hochleistungssportler Front gegen Staatschef Alexander Lukaschenko. Im Interview mit unserer Zeitung spricht die 34-Jährige, die vergangenes Jahr ihre Karriere beendet hat, über Lukaschenkos Eishockeykünste, über Menschenrechte und Massenproteste.

Frau Gerassimenja, Sie sind mehrfache Weltmeisterin und olympische Silbermedaillengewinnerin. Alexander Lukaschenko hat ihnen persönlich Auszeichnungen verliehen, ein Grundstück geschenkt, sie besaßen eine florierende Schwimmschule. Warum machen Sie jetzt Front gegen Ihren Präsidenten?

Alexandra Gerassimenja: Der Staat hat mir Gehalt gezahlt, ich konnte trainieren, dafür bin ich dankbar. Aber bezahlt haben die Steuerzahler, nicht Lukaschenko. Und jetzt sind meine Siege nicht wichtig. Sondern die Gewalt, die sich auf der Straße abspielt und hinter den Gefängnismauern. Und diese Gewalt organisiert unsere Staatsmacht.

Wie haben Sie Lukaschenkos angeblichen Wahlsieg erlebt? Am 9. August war das.

Ich war im Urlaub, im Ausland, dachte, was entscheidet meine Stimme schon? Aber dann wurde die Wahl auf unverschämte Weise gefälscht. Die Leute, die dagegen protestierten, schlug man zusammen. Das hat bei mir einen inneren Umsturz hervorgerufen.

Sie sind nicht die einzige Weltmeisterin, die revoltiert. Mehr als 800 weißrussische Sportler fordern in einem Brief Neuwahlen, riskieren zumindest ihre Karriere, die Basketballspielerin Jelena Lewtschenko landete im Gefängnis. Eigentlich sind Leistungssportler keine Rebellen.

Ob Sportler oder Fabrikarbeiter, zuallererst bist du Bürger deines Landes. Sie fallen auf der Straße über dich her, verprügeln dich und werfen dich ins Gefängnis. Auch Sportler wollen das Recht haben, zu sagen, was sie denken.

Was tun?

Wir haben eine Stiftung für die Sportler Belarus gegründet. Um die, die schon Probleme haben, finanziell, juristisch und psychologisch zu unterstützen. Aber auch die, die sich etwa wegen der bevorstehenden Olympischen Spielen noch ans System klammern. Die Wirtschaftslage ist miserabel, auch ihnen werden schon Stipendien gekürzt. Wir wollen, dass alle Sportler weiter trainieren, egal welche politische Meinung sie haben.

Aber wenn Ihr Nationales Olympische Komitee jemanden einfach streicht?

Wir reden auch mit den internationalen Verbänden. Damit sie unseren Sportlern erlauben, ihre Trainingsbasen zu nutzen, an Wettkämpfen teilzunehmen. Und wir wollen beim IOK erreichen, dass es unserem NOK seine Vollmachten entzieht. Unser NOK ignoriert die Repressalien, ist dabei sogar Handlanger. Das IOK soll ihm auch die Finanzhilfe entziehen und dieses Geld den weißrussischen Sportlern zukommen lassen, die sich jetzt für Wettkämpfe vorbereiten.

Sie erklären den eigenen Funktionären den Krieg?

Natürlich, wir kämpfen auch für die Absage aller internationaler Wettkämpfe, die in Belarus stattfinden sollen. Vor allem die Eishockey-WM im kommenden Jahr. Das wäre auf jeden Fall ein Schlag für unser Regime und seine Propaganda.

Bisher haben Lukaschenko Sanktionen wenig gekümmert.

Aber Sport ist sein Spielzeug. Schon unser offener Brief hat seine Eigenliebe schmerzhaft getroffen.

Sie haben Lukaschenko mehrfach getroffen, sogar mit ihm getanzt. Was ist er für ein Mensch?

Mir war sofort klar, dass es zwecklos ist, mit ihm zu streiten, zu widersprechen, seine eigene Meinung zu sagen.

Er spielt selbst Eishockey, läuft gerne Rollerski. Und immer gewinnt er beim Eishockey. Zufall?

Allen war klar, warum ihm keiner den Puck abnehmen kann. Vielleicht hätten die Leute mehr Sympathie für ihn entwickelt, wenn er gezeigt hätte, dass auch ein Präsident verlieren kann. Aber dazu war er auch bei den Wahlen unfähig (lacht).

Wie haben Sie die Proteste in Minsk erlebt?

Das Gefühl ist nicht wiederzugeben. Das war noch cooler als meine Auftritte bei Olympia. Da haben mich massenhaft Leute angefeuert. Aber jetzt sind alle Menschen herausgegangen, und alle haben einander applaudiert. In diesen Momenten fühlte man, wie aus den Weißrussen eine Nation wird.
© Südwest Presse 27.10.2020 07:45
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