Flüchtlingslager auf Lesbos

„Am meisten quält die Ungewissheit“

Sie stehen Stunden für eine Mahlzeit an, waschen sich im Meer, benutzen zu Hunderten dieselbe Toilette und fürchten sich jetzt vor dem Winter. DRK-Koordinator Andreas Lindner erzählt über das Leben tausender Flüchtlinge im Nachfolge-Lager von Moria.
  • Andreas Lindner koordiniert beim DRK die Hilfe für das Flüchtlingslager. Foto: Kai Kranich/DRK LV Sachsen
  • Für Wasser müssen die Flüchtlinge im Lager lange anstehen. Foto: Panagiotis Balaskas via www.imago-images.de
  • Stacheldraht auch im neuen Flüchtlingslager auf Lesbos: ein Vater mit seinem Sohn. Foto: Panagiotis Balaskas via www.imago-images.de
  • Körperhygiene im Meer, weil es keine Duschen gibt: Männer und Kinder waschen sich hier, für viele Frauen kommt das nicht in Frage. Foto: Vassilis A. Poularikas, afp
Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist aus den Schlagzeilen verschwunden, in die es ein Großfeuer Anfang September katapultiert hatte. Inzwischen wurde eine neue Zeltstadt errichtet: In Kara Tepe, das nur acht Kilometer entfernt von Moria liegt, bereiten sich die Flüchtlinge auf den Winter vor. Es werde eine harte Zeit, sagt Andreas Lindner (66) aus Berlin, der für das Deutsche Rote Kreuz die humanitäre Hilfe in Kara Tepe organisiert.

Herr Lindner, vor dem Brand herrschten im Flüchtlingslager Moria unhaltbare Zustände. Wie ist die Lage heute?

Wenn man am Lager Moria vorbeifährt, sieht man nur noch die Reste abgebrannter Baracken und Container. Dort ist niemand mehr. Inzwischen hat die griechische Regierung im Ort Kara Tepe ein neues Lager für knapp 10 000 Menschen gebaut. Von den Geflüchteten wird die neue Zeltstadt angenommen – anfangs zögerlich, inzwischen besser. Doch Unterkünfte stehen schnell, alles andere ist schwieriger.

Was zum Beispiel?

Die Wasserversorgung und die sanitäre Ausstattung. Inzwischen wurden Wassertanks aufgestellt, die jeden Tag vom Roten Kreuz befüllt werden. Das Problem liegt bei den Sanitäranlagen. Es gibt bis jetzt keine Duschen. Männer und Kinder können im Meer baden, für Frauen ist das aus kulturellen Gründen nicht möglich. Da muss schnell Abhilfe geschaffen werden.

Sie sprechen von knapp 10 000 Menschen. Waren in Moria nicht 13 000 untergebracht?

Es gibt eine Ungereimtheit. Registriert wurden im neuen Lager 9500 Menschen. Ob einige geflüchtete Menschen auf eigene Faust die Insel verlassen haben oder ob die Zahlen in der Vergangenheit nicht ganz korrekt waren, kann ich nicht beurteilen. Moria bestand aus zwei Teilen, dem Kernlager, in dem Geflüchtete erfasst wurden, und dem, was darum herum geschah.

Wie werden die Menschen in Kara Tepe versorgt?

Einmal am Tag verteilt die griechische Armee Essen. Am Anfang war das schwierig. Die Menschen mussten zwei bis drei Stunden anstehen. Inzwischen gibt es mehrere Verteilstellen. Auch kleinere Kochstellen entstehen, obwohl das wegen der Brandgefahr nicht erlaubt ist. Doch habe ich nicht gesehen, dass die griechische Polizei dagegen eingeschritten wäre. Die Menschen kochen sich Tee, manchmal auch mehr. Denn es gibt immer wieder Klagen, dass das Essen nicht schmeckt.

Und die medizinische Versorgung?

Kollegen vom Griechischen Roten Kreuz haben ein mobiles Gesundheitszentrum eingerichtet, in dem leichte Fälle behandelt werden. Auch andere Organisationen bieten eine Basis-Versorgung an, meist ohne Ärzte. Man kann nicht erwarten, dass der Bedarf von vielen tausend Menschen vollständig abgedeckt werden kann.

Wie würden Sie den körperlichen und seelischen Zustand der vielen Flüchtlinge beschreiben?

Ich habe mich mit einer Reihe von Geflüchteten unterhalten. Gut die Hälfte sind Afghanen. Sie haben ihr Land oft vor mehr als einem Jahr verlassen. Von ihnen höre ich immer wieder „Lesbos nicht gut“. Niemand wollte nach Lesbos. Alle streben Zentraleuropa an. Dass sie jetzt gestrandet sind unter Bedingungen, die sie sich nicht aussuchen konnten, schlägt auf die Psyche.

Welche Folgen hat das Leben im Wartesaal?

Psychisch belastend ist die Ungewissheit. Kommen sie jemals dort hin, wohin sie wollen? Wie lange wird das noch dauern? Da tröstet auch nicht, dass Kara Tepe nach dem Augenschein besser aussieht als Moria. Moria wirkte wie ein Gefangenenlager. Kara Tepe wirkt offener, die Leute können das Lager morgens verlassen, müssen aber abends wieder da sein. Tagsüber können sie sich auf der Insel frei bewegen.

Bald steht der Winter vor der Tür. Kann man da in einem Zeltlager ausharren?

Das ist nicht einfach. Das Rote Kreuz hat seine Zelte gleich mit einem Winter-Cape ausgerüstet. Das ist eine Art Überzelt, das Kälte und Wind abhalten soll. Zudem werden wir Paletten unter alle Zelte schieben. Das soll vor Überschwemmungen schützen und einen gewissen Schutz gegen die Winterkälte bieten. Dennoch bleiben die Wintermonate eine harte Angelegenheit.

In Moria organisierten Freiwillige Spielangebote für Kinder. Was ist damit in Kara Tepe?

Wer durch das Lager geht, ist überwältigt von der großen Anzahl von Kindern. Schätzungsweise die Hälfte der Personen sind Kinder. Es gibt Freiwillige, die Aktivitäten anbieten: Kreisspiele, Singen … Das wirkt sehr improvisiert. Eine Art Beschulung findet nicht statt. Das hängt auch damit zusammen, dass ungewiss ist, was mit dem Lager wird. Es soll ja ein temporärer Ort sein.

Wächst da eine verlorene Generation heran?

Auszuschließen ist das nicht. Es ist aber noch nicht zu spät, etwas für diese Kinder zu tun. Doch das ist eine Entscheidung der Politik.

Welche Rolle spielt das Corona-Virus?

In Kara Tepe wurden bei der Registrierung alle 9500 Geflüchteten getestet. Rund 240 waren positiv. Sie mussten ins Isolations- und ihre Kontaktpersonen in ein Quarantänelager. Das wurde vergangene Woche wieder abgebaut. Schwer umzusetzen sind Maßnahmen wie das social distancing. Die Leute stehen in Menschentrauben dicht gedrängt bei der Essensausgabe oder vor den Wassercontainern. Da ist die Ansteckungsgefahr groß, selbst wenn viele Masken tragen.

Was brauchen die Menschen kurzfristig?

Bessere Sanitäranlagen. Die Toiletten sind in einem nicht sehr guten Zustand. Handwasch- und Bademöglichkeiten fehlen ganz. Wir sind da dran. Behelfsmäßige Duschen sollen in den nächsten Wochen errichtet werden. Und dann muss man sehen, was das Wetter macht.

Es gibt Bilder von Schlammfluten …

Das Wasser kann wegen des felsigen Untergrunds nur schlecht abfließen. Der dünne Boden verwandelt sich dann in eine Schlammschicht. Drainagen werden gerade eingerichtet. Das ist aber schwierig, weil die ganze Halbinsel archäologisches Gebiet ist. Da kann man nicht einfach mal graben.

Was wären Ihre längerfristigen Wünsche?

Dass für die Menschen eine Lösung gefunden wird, die dem nahekommt, was sie sich selbst wünschen. In den vergangenen vier Wochen hat die griechische Regierung schon 2000 geflüchtete Menschen auf das Festland verlegt. Das wird weitergehen.

Und wie geht es für Sie weiter?

Ich war für das DRK 25 Jahre lang im Auslandseinsatz und wurde jetzt kurzfristig nach Lesbos geschickt, um Hilfe zu koordinieren. Es sind ja viele Akteure vor Ort. Da müssen Aufgaben abgesprochen werden. Als DRK werden wir uns vor allem um die Wasserversorgung und Sanitärfragen kümmern. Hier arbeitet ein Team von sieben Leuten. Der Einsatz geht zunächst einmal bis zum Ende des Winters. Dann wird man sehen, was die Zukunft von Kara Tepe ist.
© Südwest Presse 29.10.2020 07:45
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