Premiere in Stuttgart

Begegnung der dritten Art

„Das Lied von der Erde“ verknüpft in Stuttgart Mahlers Liederzyklus mit Jelineks Science Fiction.
  • Außerirdischer Besuch: Katja Bürkle in „Das Lied von der Erde“. Foto: Matthias Baus
Das Innere eines Kraftwerks. Vier Überlebende nutzen es als eine Art Bunker nach der großen Katastrophe. Hin und wieder singen sie – vom Ende der Welt. Die Staatsoper verknüpft Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ (1908) mit Elfriede Jelineks Science-Fiction-Text „Die Bienenkönige“ (1976), zwei nicht unbedingt fürs Musiktheater geschaffene Werke, und macht eine 90-minütige Oper daraus. Am Dienstag war Premiere.

Das Team um Intendant Viktor Schoner lässt sich auch durch die Pandemie nicht davon abbringen, Musiktheater durch ungewöhnliche Kombinationen neu zu erkunden. Jetzt fädelte die Stuttgarter Dramaturgie eine weitere Begegnung ein – Jelineks Prosa trifft im Opernhaus auf Mahlers Vokalsinfonik. Regisseur David Hermann verkantet die Geschichten so: Bei Jelinek besucht eine Außerirdische die zerstörte Erde, bei Mahler nehmen die Übriggebliebenen Abschied von einer vergangenen Welt.

Ex-Ensemblemitglied Katja Bürkle spielt dieses Wesen vom anderen Stern Approxima Delta als toughe, leicht hochnäsige Expertin. Als Gutachterin, die das gescheiterte Experiment Erde untersucht („Stümper“) und kopfschüttelnd bilanziert: „Die Deppen. Sind sich wohl als Herren des Gesamtuniversums vorgekommen.“ In Jelineks utopischer Skizze sind die Erdenbewohner an der eigenen Erfindung, an unzerstörbarem Plastik, erstickt. Klar, dass solche Passagen heute wie frühe prophetische Diagnosen klingen. Viel Plastik enthalten auch die Kostüme (Claudia Irro, Bettina Werner). Bürkles Expertin bescheinigt den Überlebenden fürs Durchhalten immerhin eine „reife soziale Leistung“.

Die Bunker-Atmosphäre des Bühnenbilds (Jo Schramm), das für die gecancelte Produktion „Frau ohne Schatten“ gedacht war, verpflanzt Mahlers Abschiedsgesänge in eine ungewisse Zukunft und gibt ihnen so eine zusätzliche Dimension. Exzellent die vier Vokalsolisten: Simone Schneider, Evelyn Herlitzius, Thomas Blondelle und Martin Gantner. Sie verleihen der vertonten chinesischen Lyrik („Dunkel ist das Leben, ist der Tod“) einen schwebenden Gestus, frei von lastender Weltschmerz-Schwere. Und mit Cornelius Meister am Pult entwickelt selbst Arnold Schönbergs Kammerfassung der Mahlerschen Partitur eine feinnervige, betörende, teils wunderbar aufrauschende Opulenz.

Bis am Ende sich aus dem Weltall ein riesiges glitzerndes Fantasy-Facettenauge herab in den Bunker senkt und dort etwas Licht und Hoffnung verbreitet. Jelinek und Mahler: In Stuttgart zaubert die Regie daraus eine Begegnung der dritten Art – ein melancholisches Märchen. Otto Paul Burkhardt
© Südwest Presse 29.10.2020 07:45
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