Chemnitz steht kopf

Die 246 000-Einwohner-Stadt wird Europäische Kulturhauptstadt 2025. Dabei galt das frühere „sächsische Manchester“ lange Zeit selbst im Osten als Underdog.
  • Passanten gehen in der Chemnitzer Innenstadt vorbei an der Skulptur des Radschlägers, die der Düsseldorfer Künstler Franz Bößer gemeinsam mit dem Kinderhilfswerk gestaltet hat. Foto: Hendrik Schmidt
Chemnitz wird Europäische Kulturhauptstadt 2025. Dabei galt die Stadt lange als eine Art Aschenputtel unter den Großstädten des Landes. Auch die Bürger selbst wertschätzten „ihr“ Chemnitz eher selten. „Aber wenn die Chemnitzer jetzt unterwegs sind, dann können sie mit einem Lächeln sagen, wo sie herkommen: Wir kommen aus Chemnitz, aus der Kulturhauptstadt Europas 2025“, sagte Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) kurz nach Bekanntgabe der Jury-Empfehlung. Damit haben die Mitbewerber Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg das Nachsehen.

Mehr als drei Jahre arbeitete ein kleines Team an der Bewerbung und daran, die Stadt zu begeistern. Vor allem am Anfang nicht ohne Kritik. Doch nach und nach sei es gelungen, Vereine und Initiativen und damit hunderte Menschen ins Boot zu holen. „Am Ende haben wir es geschafft, einen Großteil der Stadtgesellschaft mitzunehmen“, sagte Jenny Zichner vom Bewerbungsteam 2025 am Mittwoch.

Dass ausgerechnet Chemnitz Kulturhauptstadt werden wollte, das hätten viele Einwohner zunächst belächelt. „Leipzig, Dresden, aber doch nicht Chemnitz! Das war hier lange die Meinung.“ Passend dazu lautete das Motto der Bewerbung „C the Unseen“ – „C die Ungesehene“. Das Konzept: die Verbindung von kulturellen Spitzenleistungen und Autodidakten.

Ende des 19. Jahrhunderts gehörte Chemnitz zu den reichsten Städten Deutschlands, galt wegen seiner starken Wirtschaft sogar als „sächsisches Manchester“. Doch im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt schwer zerstört. Selbst wenn man in den Jahren nach der Wende hierher kam, konnte man in der Innenstadt noch riesige Freiflächen sehen – ein Erbe der Zerstörung im Krieg.

Die wechselvolle Geschichte lässt sich auch am Namen ablesen. Im Mai 1953 hatte man Chemnitz – ohne die Bürger zu fragen – in Karl-Marx-Stadt umbenannt. Dabei hatte der Philosoph und Mitbegründer des Kommunismus nie einen Fuß in die Stadt gesetzt. Nach dem Fall der Mauer entschieden sich drei Viertel der Bürger bei einer Abstimmung für den ursprünglichen Namen.

Der einstige Namensgeber gehört heute dennoch zum Inventar der Stadt: Der „Nischel“, wie die Chemnitzer das 40 Tonnen schwere und gut sieben Meter hohe Karl-Marx-Denkmal nennen, ist zentraler Treffpunkt und beliebtes Fotomotiv. Und ging im Sommer 2018 um die Welt, das sich ins kollektive Bewusstsein eingebrannt hat: mit brüllenden Neonazis und Hitlergruß.

Nach einer tödlichen Messerattacke auf einen jungen Mann, für die Flüchtlinge verantwortlich gemacht wurden und für die später ein junger Syrer eine lange Haftstrafe erhielt, kam es tagelang zu Ausschreitungen Rechtsextremer. Das Thema unumwunden in die Bewerbung einzubringen, war eine ausdrückliche Empfehlung der Jury, kostete aber auch gehörigen Mut. Unter der Überschrift „Chemnitz ist weder grau noch braun“ entstanden zahlreiche Ideen, darunter eine quietschbunte Treppe am Technischen Rathaus. Viele kleine Projekte, aktives Mittun und nicht nur große Künstlernamen – mit seinem Macher-Ansatz lag Chemnitz offenbar goldrichtig, auch wenn nach dem großen Jubel die große Party Corona-bedingt ausfallen muss. Claudia Drescher/Jörg Schurig
© Südwest Presse 29.10.2020 07:45
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