Gastronomie

„Unverhältnismäßig“

Die Gastronomiebranche steht vor einem zweiten Lockdown. Nachdem bereits im Frühjahr Restaurants, Kneipen, Cafés und Bars zwei Monate zwangsweise geschlossen waren, sollen die Betriebe nun erneut bis mindestens Ende November keine Gäste mehr bewirten dürfen. Nur Außer-Haus-Lieferungen wären noch gestattet. Für den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband ist das ein schwacher Trost. „Natürlich würde man wieder versuchen, die Verluste durch Außer-Haus-Verkauf zu kompensieren“, sagte eine Verbandssprecherin am Mittwoch dieser Zeitung. „Aber für viele Betriebe reicht das bei Weitem nicht aus, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern.“

Was die Branche vor allem erzürnt: Es sei wissenschaftlich keineswegs erwiesen, dass die Gastronomie auch in der zweiten Welle der Corona-Pandemie zu den Treibern gehöre. „Die Gastronomie steht unter strengen Auflagen, filtert die Luft und wird engmaschig kontrolliert“, heißt es in einem Brandbrief, den mehrere Gastronomen – darunter Promi-Koch Tim Mälzer – im Vorfeld des Beschlusses verschickt hatten. Deshalb sei ein weiterer „Lockdown light unverhältnismäßig“. Im unter anderem für die Seuchenbekämpfung zuständigen Robert-Koch-Institut teilt man offenbar die Einschätzung, dass Gaststätten keine Virus-Herde sein müssen. In einer Bund-Länder-Konferenz habe Institutschef Lothar Wieler vor Kurzem mitgeteilt, dass die Gastronomie „nicht als Treiber identifiziert“ sei, berichtete „Bild“.

In der Branche geht man davon aus, dass ein weiteres Herunterfahren zu zahlreichen zusätzlichen Betriebspleiten führen könnte. Nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten ist die Zahl der Beschäftigten in Bars und Kneipen gegenüber der Zeit vor Corona bereits um rund ein Drittel gesunken. Dabei seien die Kurzarbeiter nicht mitgezählt, heißt es. Die Arbeitsplätze drohten „unwiederbringlich verloren zu gehen“, befürchtet Gewerkschaftschef Guido Zeitler.

Deshalb rufen die Gastronomen nach weiterer Staatshilfe. Bund und Länder müssten „schnell und vollumfänglich“ für den wirtschaftlichen Schaden für ein neuerliches Herunterfahren der Gastronomie aufkommen, forderte der Hotel- und Gaststättenverband. mg
© Südwest Presse 29.10.2020 07:45
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