Infektions-Risiko

Für den Ernstfall gerüstet

In den ersten Pflegeheimen steigen die Fallzahlen wieder merklich an. Und doch ist die Situation nicht mehr vergleichbar mit der Lage im Frühjahr.

  • Schnelle Sicherheit in Altenheimen. Dort werden seit kurzem Antigen-Tests eingesetzt. Foto: Philippe Lopez/afp

Wir haben die Zeit genutzt, um zu lernen.“ Kaspar Pfister, Geschäftsführender Gesellschafter der BeneVit-Gruppe, die in fünf Bundesländern 26 stationäre Alten- und Pflegeeinrichtungen betreibt, schaut einigermaßen zuversichtlich in die kalte Jahreszeit. Zwar steigt nicht nur im Alb-Donau-Kreis die Zahl der mit Corona infizierten Bewohner und Pfleger in Heimen, doch vergleichbar mit dem Frühjahr sei die Situation nicht mehr. Damals habe es den Einrichtungen an allem gemangelt: an Wissen, Tests und Schutzmaterialien. „Heute sind wir vorbereitet.“

Der Albtraum des Frühjahres, als Pflegeheime aus Angst vor einem unkontrollierten Infektionsgeschehen die Türen zur Außenwelt für Wochen schlossen, Demenzkranke zum Teil in Zimmer eingesperrt werden mussten und Angehörige nur noch per Telefon oder durch Winken am Fenster Kontakt mit ihren Lieben halten konnten, soll sich in diesem Herbst und Winter möglichst nicht wiederholen.

„Für hochaltrige, multimorbide Menschen sind Heime in dieser Zeit der beste Ort.“ Kaspar Pfister ist davon überzeugt – trotz einzelner Ausbruchsherde. „Größere Sorgen bereitet mir die Situation im ambulanten Bereich.“ Stationäre Einrichtungen hätten in den vergangenen Monaten Schutzkonzepte erarbeitet, bauliche Vorkehrungen für einen Infektionsfall getroffen, Mitarbeiter geschult und sich mit Schutzmaterialien eingedeckt. So würden in den Wohngruppen von BeneVit Bewohner, Mitarbeiter und Besucher täglich gescreent, auch werde engmaschig Temperatur gemessen. Im ambulanten Bereich sei das nicht möglich. Da seien Menschen beim Einkaufen oder bei Besuchen einem erhöhten Risiko ausgesetzt.

Pfister: „Die große Schwachstelle stationärer Einrichtungen war bisher, dass eine infizierte Person ungeschützt ins Haus kommt und andere ansteckt.“ Auf diese Gefahr kann seit Mitte Oktober reagiert werden. Einrichtungen können mithilfe von Antigen-Tests innerhalb von 20 Minuten feststellen, ob ein Bewohner oder ein Besucher infiziert ist. Die schnelle Sicherheit trage zu einer psychischen Entkrampfung bei, sagt Pfister. So könne dargestellt werden, dass nicht jeder Schnupfen gleich eine Covid-19-Erkrankung sei.

Auch das Sozialministerium sieht in den Tests eine „ganz wesentliche Verbesserung“. Sie ermöglichten eine „rasche Identifizierung infizierter Personen und damit eine umgehende Reaktion auf Ausbruchslagen“, verdeutlicht Pressesprecherin Claudia Krüger.

Eines wollen sowohl Politik als auch Heimbetreiber unbedingt vermeiden: Besuchsverbote und pauschale Kontaktbeschränkungen. Diese stellen nach Ansicht des Sozialministeriums nicht nur einen erheblichen Eingriff in Grund- und Freiheitsrechte insbesondere gegenüber Pflegebedürftigen dar. Sie hätten auch gravierende psychische Folgen, betont Kaspar Pfister. „Heimschließungen sind kein adäquates Mittel“, sagt er. „Wir müssen Besuche auch bei einem Infektionsgeschehen ermöglichen.“ Er mache sich Sorgen, dass aus politischer oder bürokratischer Angst heraus unnötig harte Einschränkungen angeordnet werden.

Einheitliche Regeln gefordert

Nach den in Baden-Württemberg geltenden Kontaktbeschränkungen sind grundsätzlich zwei Besucher pro Tag und Pflegebedürftigem erlaubt. Weitere Beschränkungen sind nach Auskunft des Sozialministeriums trotz steigender Infektionszahlen derzeit nicht angedacht.

Pfister, dessen Unternehmen Einrichtungen in fünf Bundesländern unterhält, hofft nach dem erneuten Krisengipfel im Kanzleramt auf ein einheitliches Vorgehen in den Bundesländern. „Es sollten überall gleiche Regeln für gleiche Zustände gelten.“ Derzeit formuliere jedes Bundesland, manchmal auch jedes Landratsamt eigene Vorgaben. „Wir müssen viel Zeit aufwenden, um jeden Tag die Mitteilungen der Gesundheitsämter umzusetzen.“ Das belaste die Heime. Dabei werden die Kräfte der Beschäftigten viel mehr für die Betreuung der Bewohner gebraucht.

© Südwest Presse 29.10.2020 07:45
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