Harte Landung

Die Luftfahrtbranche klagt wegen der Corona-Pandemie über hohe Einnahmeverluste. Eine Rückkehr der Passagiere ist nicht in Sicht. Nun soll es ein Gipfeltreffen im Ministerium richten.
  • Ein Flugzeug einer Regionalfluggesellschaft startet vom Bodensee-Airport in Friedrichshafen aus. Foto: picture alliance/dpa
Es wird keine große Sause geben. „Wir machen einfach auf“, sagte der Chef des Flughafens BER, Engelbert Lütke Daldrup, vor kurzem. Am Samstag eröffnet acht Jahre nach dem ursprünglich angedachten Termin und dreimal so teuer wie geplant der Berlin-Brandenburger Flughafen. Grund zum Jubeln gibt es nicht, der BER ist einer der größten deutschen Bauskandale. Seit Corona befindet sich zudem die Luftfahrtbranche im Sturzflug.

Corona hat den Flugverkehr fast kollabieren lassen. Aktuellen Zahlen des Flughafenverbandes ADV zufolge reisten 80 Prozent weniger Passagiere im Vergleich zum Vorjahr mit dem Flieger. Die Branche rechnet erst frühestens 2024 mit dem Fluggast-Niveau von 2019. Haben die Flughäfen im vergangenen Jahr noch 800 Millionen Euro Gewinn eingefahren, wird für 2020 und 2021 mit einem Einnahmeverlust von über drei Milliarden Euro gerechnet. Ein Viertel der 180 000 Jobs bei Flughäfen ist in Gefahr.

Zugleich ist die Branche unter Druck, weil sie die Klimaschutzziele der Bundesregierung einhalten muss. „Die Flughäfen befinden sich in einer existenzbedrohenden Lage – ein Rettungsschirm ist dringend erforderlich“, sagt ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel.

Bei den Fluglinien, Flugzeugbauern und Zulieferern sieht es nicht besser aus. Lufthansa verliert pro Stunde eine halbe Million Euro. Jüngst hat Lufthansa-Chef Carsten Spohr seine Mitarbeiter auf schwere Einschnitte eingestellt. Airbus hat die Fertigungskapazitäten um 40 Prozent zurückgefahren. Einer Umfrage für den Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) zufolge, sieht ein Großteil der mittelständischen Betriebe ihre Existenz bedroht. Nach der Einschätzung von Ryanair-Chef Michael O'Leary dürfte es zu einer Konsolidierung des Marktes kommen. Vor allem „schwache, kleine Airlines“ werden es schwer haben werden, die Krise zu überstehen.

„Ein guter Luftverkehr bleibt für unsere Wirtschaft essenziell“, schrieb Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) am Dienstag auf Instagram und verwies auf die Probleme der Branche. Um Lösungen zu finden, hat Scheuer Ende kommender Woche zu einem Luftfahrtgipfel eingeladen. Die Branchenvertreter erwarten sich einiges von dem Treffen. Vor allem eine Antwort auf die Frage: Was ist die Luftverkehrsbranche Deutschland wert? Für den ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel gehören nicht nur Straßen und Schienenwege zur „öffentlichen Daseinsvorsorge“, sondern auch Airports. Beisel geht mit einer klaren Forderung in die Gespräche mit Scheuer. In den Monaten März bis Juni hielten die Flughäfen ihren Betrieb aufrecht, nahmen aber kaum Geld ein. In dieser Zeit sind 740 Millionen Euro Vorhaltekosten entstanden. „Flughäfen benötigen dringend Zuwendungen zur wirtschaftlichen Stabilisierung. Ich rufe Bund und Länder zum entschlossenen Handeln und zur Bereitstellung schneller Finanzhilfen auf“, sagt Beisel.

Offene Ohren

Bei der Bundesregierung könnte der Flughafenverband damit auf offene Ohren stoßen. „Im Winter wird nach derzeitigem Stand wenig Flugverkehr stattfinden können. Damit sind viele Flughäfen an der Grenze zu dem, was sie leisten können“, sagt der Luftfahrtkoordinator der Bundesregierung, Thomas Jarzombek, und fügt an: „Dass unterstützt werden muss, ist offensichtlich.“ Viele der Airports seien im Besitz der öffentlichen Hand, daher müsse die Bundesregierung zusammen mit Ländern und Kommunen Lösungen finden, ohne in Aktionismus zu verfallen.

Doch nicht nur am Geld hapert es. Die Flugbranche hadert auch mit der Teststrategie an Flughäfen. Derzeit müssen Reiserückkehrer aus Risikoländern in eine zweiwöchige Quarantäne, können diese aber mit einem negativen PCR-Test innerhalb von drei Tagen nach der Rückkehr beenden. Der Test konnte bisher an den Flughäfen gemacht werden. Ab dem 8. November soll es keine Tests mehr an Flughäfen geben. Die Reisenden aus Risikogebieten begeben sich schnurstracks in eine zehntägige Quarantäne. Frühestens am fünften Tag nach der Rückkehr können sie einen Test machen. Die Branche befürchtet, dass Kunden dann vollends auf Flugreisen verzichten.

Der Sprecher des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), Ivo Rzegotta, setzt deshalb seine Hoffnung in den Luftfahrtgipfel. „Statt das erfolgreich etablierte Testen an den Flughäfen pauschal durch eine Quarantäneanordnung zu ersetzen, sollten Bund und Länder die Teststrategie auch im Hinblick auf das Reisen weiterentwickeln“, fordert der Sprecher. Darüber hinaus setzt sich der BDL für eine stärkere Differenzierung der Risikogebiete ein. Reisende aus Risikoländern mit niedrigen Positivraten könnten sich dann weiter bei der Einreise durch einen negativen Test von der Quarantänepflicht befreien.

Vertrauen wiederherstellen

Auch Luftfahrtkoordinator Thomas Jarzombek, sieht in der ab Anfang November geltenden Quarantänepflicht ein Problem. „Die Fünf-Tage-Regel ist gerade für Geschäftsreisende ausgesprochen schwierig“, sagt Jarzombek. „Ich halte es für sinnvoll, hier nach pragmatischen Lösungen zu suchen“, führt der CDU-Mann aus.

Eine Möglichkeit, das Vertrauen in den Flugverkehr wiederherzustellen, sieht die Branche in den Antigen-Tests, die innerhalb von 15 bis 30 Minuten Ergebnisse liefern sollen. Bisher werden die schnellen Tests, die als weniger sicher gelten als die PCR-Tests, jedoch Pflegeeinrichtungen und Altenheimen vorbehalten. Jarzombek hält Antigen-Tests für eine Chance. „Wenn es Kapazitäten bei den Tests gibt, sollte man darüber nachdenken, sie im Flugverkehr zu verwenden.“ Sollten die Tests knapp werden, sollten sie besonders bedrohten Personengruppen vorbehalten sein.

Wenn es nach dem Luftfahrtkoordinator geht, soll die Branche nicht nur gut aus der Corona-Pandemie kommen. Die Zeit soll auch genutzt werden, um eine ökologische Wende einzuläuten. „So schwierig die Krise wirtschaftlich ist, am Ende werden die Karten neu gemischt. Und zwar wenn der eine Unternehmer neue, ökoeffiziente Produkte anbieten kann und der andere nicht“, sagt Jarzombek. Die Regierung stellt den Flugzeugherstellern derzeit eine Milliarde Euro für emissionsärmere Flugzeuge zur Verfügung. Zusätzlich sollen 200 Millionen Euro in die Forschung von umweltfreundlicheren Antrieben investiert werden. So soll aus Corona am Ende doch noch etwas Positives entstehen.
© Südwest Presse 29.10.2020 07:45
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