Leitartikel Igor Steinle zur Streitkultur in Deutschland

Der Trump in uns

  • Igor Steinle Foto: Marc Hörger
Ein erleichterter Seufzer ging nach der Wahl Joe Bidens durch Deutschland. Neben berechtigter Freude ist jedoch auch Nachdenklichkeit angebracht. Denn viele Entwicklungen, über die wir beim Blick über den großen Teich die Nase rümpfen, haben längst auch unsere Gesellschaft erreicht. Die Polarisierung und Erosion der Mitte werden zu einem immer größeren Problem.

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist zu beobachten, wie vor allem bei moralisch aufgeladenen Themen Bekenntnisse für die eine oder andere Seite eingefordert werden. Wer differenzierte Zwischentöne anschlägt, wird oft verdächtigt, dem Lager der anderen anzugehören. Wer etwa Konflikte thematisiert, die mit Migration einhergehen, landet schnell in der Rassismusschublade. Andersrum wird man leicht mit dem „Gutmenschen“-Stempel versehen.

Psychologen beklagen schon lange, dass die Ambiguitätstoleranz in der Bevölkerung schwindet: Je unübersichtlicher die Welt wird, desto mehr sehnen sich viele nach einfachen Antworten. Ungewissheiten, Ambivalenzen, Widersprüche werden nur noch schwer ausgehalten. Ein Trend, der von den neuen Medien befördert wird und sich in der Corona-Krise fortsetzt. Weil Fragen über den richtigen Umgang mit dem Virus ebenfalls moralisch überfrachtet sind, ist ein sachlicher, differenzierter Austausch darüber oft kaum möglich. Wer etwa den Umgang der Bundesregierung mit der Pandemie infrage stellt, findet sich schnell in einer Schublade mit „Relativierern“, „Verharmlosern“ oder „Covidioten“ – das Fragen als solches wird als Häresie betrachtet, beklagt der Experte für evidenzbasierte Medizin Jürgen Windeler. Genauso wenig aber wie Kritiker der Migrationspolitik pauschal Rassisten sind, verharmlosen Wissenschaftler, die darauf hinweisen, dass wir mit dem Virus leben lernen müssen, die Pandemie.

Die Gefahr der Polarisierung besteht darin, dass sie uns als Gesellschaft lähmt. Wenn wir über unsere Probleme nicht offen und konstruktiv debattieren, werden wir sie nicht lösen. Wenn es nur noch schwarz und weiß, gut und böse und nichts mehr dazwischen gibt, kommen wir genau da hin, wo die USA bereits sind: eine Gesellschaft, die sich so weit voneinander entfremdet hat, dass ein Gespräch kaum noch möglich ist. Gespalten durch den Fake-News-Müll, der die sozialen Medien verunreinigt, können sich Amerikaner oft nicht mal mehr darauf verständigen, ob ein Problem überhaupt existiert, geschweige denn über die richtigen Lösungen. Dass wir uns in dieselbe Richtung bewegen, zeigt der Blick nach Leipzig.

Wie lernen wir wieder miteinander zu sprechen? „Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte“, sagte der Philosoph Hans-Georg Gadamer. Vielerorts fehlt es an solchen echten Gesprächen. Die täglichen TV-Talkshows etwa, in denen für die Quote der Konflikt inszeniert wird, sind da ein schlechtes Vorbild. Streit ist in der Demokratie zwar unerlässlich. Aber auch der macht nur Sinn, wenn man sich selbst nicht für unfehlbar hält. Und da muss sich nicht nur die Politik, sondern jeder Einzelne an die Nase fassen.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 10.11.2020 07:45
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Kommentare

Frieder Kohler

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Eine Ergänzung von C.F.von Weizsäcker:"Die Einschränkung der Wirklichkeit, auch des Erkenntnisbegriffs, auf die Willens- und Verstandeswelt schafft eine Verzerrung des Blicks und des Handelns, die sich heute mörderisch auswirkt. Die Krise dieser Verzerrung ist unausweichlich. Der Versuch, den Erkenntnisbegriff erkennend zu verändern, steht freilich unter dem Schatten der Einsicht, dass Philosophie für uns Menschen zu schwer ist. Aber wissenschaftliche Paradigmenwechsel sind nie ohne jene äußerste Anstrengung der Wahrheitssuche geglückt, die man eben Philosophie nennt!" Wissenschaft und Politik auf der Suche nach Wahrheit? Lesen Sie selbst!

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