Ex-König von Spanien

Eine königliche Jagd

Ex-Monarch Juan Carlos bekam in seiner langen Amtszeit Autos, Paläste und viel Geld geschenkt. Versteuert hat er die Präsente wohl nie. Deswegen ermittelt jetzt die Justiz – ganz offenbar mit dem Segen des linken Ministerpräsidenten Sánchez.
  • König Felipe VI. muss korrekter als sein Vater sein, um die spanische Monarchie zu schützen. Foto: Casa De S.M. El Rey/dpa
  • Macht sich der ehemalige König Juan Carlos aus dem Staub? Ein Graffito des spanischen Künstlers „El Primo de Banksy“ in Valencia legt das nahe. Foto: Jose Jordan/afp Foto: José Jordan/afp
Am zweiten Weihnachtstag 1990 kam Juan Carlos de Borbón y Borbón von der Fahrbahn ab. Der damals 52-jährige König fuhr am Steuer seines Porsche 959 durch die Pyrenäen, auf dem Beifahrersitz seine Tochter, Prinzessin Cristina, als er in einer scharfen Kurve die Kontrolle über den Wagen verlor und auf den Seitenstreifen rutschte. Es blieb bei einem Schreck. Die Leibwächter, die ihm in einem zweiten Wagen folgten, halfen dem König und seinem Auto wieder auf die Straße, und Cristina übernahm das Steuer. Zwei Tage später berichteten die spanischen Zeitungen über das königliche Missgeschick. Sieh mal an, Juan Carlos fährt Porsche, mögen die Leser gedacht und sich dann wichtigeren Nachrichten zugewandt haben.

Der Porsche war ein Geschenk. Juan Carlos soll in seinem langen Leben viele Autos geschenkt bekommen haben, 1986 zum Beispiel einen Audi Quattro Sport vom Volkswagenkonzern und 2011 zwei Ferrari FF vom dubaiischen Herrscherhaus. Den schwer zu kontrollierenden Porsche 959 hatte Juan Carlos zu seinem 50. Geburtstag Anfang 1988 von katalanischen Geschäftsleuten erhalten, von denen einer Javier de la Rosa hieß und den Spaniern als Hauptfigur eines Finanzskandals bekannt war. De la Rosa wurde Jahrzehnte später, 2011, freigesprochen, aber damals zählte man ihn zu den „gefährlichen Freundschaften“ des Königs. Dass sich Juan Carlos gerne in Gesellschaft des großen Geldes bewegte, war allgemein bekannt, es störte aber die wenigsten. Vielleicht störte es auch viele, aber es störte sie nicht sehr. Ein König ist schließlich ein König und soll auch leben wie einer.

König und Ex-König sind zerstritten

Heute denken die meisten Spanier anders. Der derzeitige Verbraucherschutzminister Alberto Garzón, Jahrgang 1985, sagte in einem kürzlich erschienenen Interview mit der Netzzeitung El Confidencial über Juan Carlos: „Es scheint wegen der Indizien, die schon die Kategorie von Beweisen haben, offensichtlich, dass er korrupt gewesen ist.“ Das war allerdings ein unerhörter Satz für einen Minister, der über das ehemalige Staatsoberhaupt spricht. Alberto Garzón ist Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens, die sich als marxistisch-leninistisch definiert, also von Haus aus ein Palaststürmer. Es stimmt aber nicht, dass die Indizien, die gegen Juan Carlos sprechen, „die Kategorie von Beweisen“ haben. Wahr ist, dass gegen den 2014 abgedankten Monarchen seit gut zwei Jahren wegen großzügiger Geldgeschenke ermittelt wird. Aber ein Strafverfahren ist immer noch nicht eröffnet worden, geschweige denn ein Urteil gesprochen. Der junge Minister spricht voreilig.

Juan Carlos hat es denen, die zur Jagd auf ihn blasen, leicht gemacht. Am 3. August dieses Jahres verließ er Spanien mit Ziel Abu Dhabi, weil das „öffentliche Echo gewisser vergangener Ereignisse aus meinem Privatleben“ seinem Sohn, König Felipe VI., die nötige „Ruhe und Gelassenheit“ zur Wahrung seiner Aufgaben nehme. Schön gesagt. Offenbar sind Vater und Sohn zerstritten, schon im März raunte Felipe über väterliches Vermögen, dessen Herkunft „nicht im Einklang mit der Legalität“ stehen könnte. Konkret ging es damals um 100 Millionen US-Dollar, die Juan Carlos vom saudischen Könighaus geschenkt bekommen und dann an seine deutsche Freundin Corinna zu Sayn-Wittgenstein weitergereicht haben soll.

Der spanischen Justiz waren die saudischen Dollars lange egal. Es war ein Genfer Staatsanwalt, der vor gut zwei Jahren erste Ermittlungen über Herkunft und Zweck der Zahlung aufnahm, die er bis heute nicht abgeschlossen hat. Erst in diesem Sommer zog die spanische Staatsanwaltschaft nach, plant aber – wenn spanische Medienberichte stimmen – bereits die baldige Einstellung des Verfahrens. Vor ein paar Tagen sickerte stattdessen durch, dass in Spanien noch wegen anderer Geldgeschenke an Juan Carlos ermittelt wird: Ein milliardenschwerer mexikanischer Geschäftsmann soll dem alten König eine Kreditkarte zur Verfügung gestellt haben, über die der Ex-Monarch laufende Rechnungen beglichen haben soll – zum Beispiel 10 000 Euro für das Springpferd einer Enkelin.

Offenbar hat Juan Carlos in seinem langen Königsleben nicht gelernt, dass auch Geschenke zu versteuern sind. Man kann sich leicht ausmalen, wie er sich an die guten Gaben gewöhnte. Schon anlässlich seiner Hochzeit mit der griechischen Königstochter Sofía im Mai 1962 soll der damals 24-jährige Prinz Juan Carlos aus einer Kollekte spanischer Banken rund 100 Millionen Peseten geschenkt bekommen haben, damit er sich ein standesgemäßes Leben erlauben konnte. Sein Großvater, Alfonso XIII., war 1931 von den Spaniern außer Landes gejagt worden, seitdem stand die spanische Königsfamilie im Ruf der Armut – was unter Königen eben so als arm gilt.

Geschenke von arabischen Herrschern

Als Juan Carlos 1975, nach dem Tod des langjährigen Diktators Francisco Franco, den spanischen Thron bestieg, bekam er ein ordentliches Jahresgehalt zugesprochen, er durfte mietfrei im Zarzuela-Palast leben und dessen Fuhrpark benutzen – und erhielt doch immer weiter großzügige Geschenke. Die großzügigsten machten ihm arabische Herrscher, zum Beispiel der jordanische König Hussein I., der ihm einen Palast auf der kanarischen Insel Lanzarote schenkte, in dem später auch ausländische Gäste wie Michail Gorbatschow und Helmut Kohl übernachteten oder spanische Regierungschefs, zuletzt der derzeitige, Pedro Sánchez. Aber niemals klopfte deswegen das Finanzamt an.

Besonders auffällige Geschenke – den Palast auf Lanzarote, die Ferraris aus Dubai, seine Segeljacht „Fortuna“, ein Präsent mallorquinischer Geschäftsleute – übergab Juan Carlos dem spanischen Staat, der sie teils für das Königshaus bewahrte, teils anderweitig verwertete. Ansonsten versuchte der Monarch offenbar, sein Vermögen vor neugierigen Blicken zu verstecken. Die saudischen 100 Millionen ließ er, bevor er sie an Corinna zu Sayn-Wittgenstein weiterschenkte, von einer panamaischen Stiftung verwalten.

Offenbar hatte er noch mehr zu verstecken. Anfang November lud die spanische Generalstaatsanwältin, Dolores Delgado, zu einer der merkwürdigsten Pressekonferenzen, die man sich in einem Rechtsstaat vorstellen kann. Sie berichtete über Ermittlungen, die ihr Haus noch gar nicht aufgenommen hatte. Die Spanier sollten aber wissen, dass die Geldwäschespezialeinheit der Banco de España – der spanischen Zentralbank – im Steuerparadies Jersey auf verdächtige Konten von Ex-König Juan Carlos gestoßen war. Ob die Verdachtsmomente ausreichend sind, um deswegen weiter zu ermitteln, steht noch dahin. Die spanischen Medien berichten jetzt aber unbekümmert über „drei Verfahren“ gegen den alten Monarchen – von denen noch kein einziges vor Gericht gelandet ist.

Die Generalstaatsanwältin Delgado war bis Januar dieses Jahres spanische Justizministerin. Man darf annehmen, dass ihre Kommunikationsstrategie in Königsdingen den Segen der Sánchez-Regierung hat. Und die hat sich offensichtlich vorgenommen, einmal ganz heftig an der Monarchie zu rütteln, wozu sich Juan Carlos als deren derzeit schwächstes Glied hervorragend eignet. Im Juli sprach Ministerpräsident Sánchez von „beunruhigenden Nachrichten“ aus dem Königshaus, was dort sicher nicht als Loyalitätsadresse verstanden wurde. Einer von Sánchez‘ Stellvertretern, der Chef der Linkspartei Podemos, Pablo Iglesias, sagte in einem Zeitschrifteninterview im Oktober, dass „die Republik der neue Horizont“ für Spanien sei.

All das Rütteln hilft aber nichts, solange sich im Parlament keine Drei-Fünftel-Mehrheit für eine Verfassungsänderung findet, die anschließend in einer Volksabstimmung abgesegnet werden müsste. Im Moment sind die Mehrheitsverhältnisse dafür nicht vorhanden. König Felipe VI. ist aber gewarnt, immer wieder gibt es in Spanien Demonstrationen gegen die Monarchie. Felipe muss ein korrekterer König sein als sein Vater, wenn er die Monarchie nicht aufs Spiel setzen will. Nach allem, was man weiß, ist er das.
© Südwest Presse 21.11.2020 07:45
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