Welches Wasser soll ins Glas?

Umweltministerin Schulze wirbt für das günstige Getränk, das aus der Leitung kommt. Der Verband Deutscher Mineralbrunnen protestiert gegen die Empfehlung. Wer hat Recht – oder ist am Ende alles nur Geschmackssache?
  • Wasser aus dem Wasserhahn: Wie gesund ist das? Foto: © Filipe B. Varela/shutterstock.com
Im wichtigsten Punkt waren sich beim kürzlich zu Ende gegangenen Nationalen Wasserdialog die Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft einig: Wasser bedeutet Leben – für die vom Klimawandel bedrohte Natur, aber auch für den Menschen als unverzichtbares Lebensmittel. 150 Liter Mineralwasser nehmen die Deutschen im Schnitt pro Jahr zu sich. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) rät jedoch dazu, vor allem Leitungswasser zu trinken. „Wer Leitungswasser trinkt, spart Geld, Energie und unnötige Verpackungen“, sagte sie. Hat sie Recht oder ist alles Geschmackssache? Welches Wasser soll ins Glas?

Was für Leitungswasser spricht

Zunächst einmal der Preis: Mit 0,04 Cent pro Glas ist Leitungswasser unschlagbar günstig. Zum Vergleich: Ein Glas des billigsten Mineralwassers kostet drei Cent. Außerdem überprüfen die örtlichen Wasserversorger die Einhaltung von etwa 40 Grenzwerten – unter anderem gibt es in der seit 2001 geltenden deutschen Trinkwasserverordnung Vorgaben für den Gehalt von Schwermetallen und Pflanzenschutzmitteln.

Leitungswasser sei deshalb „bedenkenlos zu trinken“, sagt Andreas Winkler von der Verbraucherrechtsorganisation Foodwatch dieser Zeitung. Wasser aus dem Hahn sei „das am strengsten kontrollierte Lebensmittel in Deutschland“. Weiterer Pluspunkt: Es ist in allen deutschen Haushalten problemlos verfügbar. Und die Umwelt wird nicht durch die Anlieferung per Lastwagen und durch die Flaschenproduktion belastet.

Probleme beim Leitungswasser

Die Probleme lauern vor allem in den letzten Meter, die das Leitungswasser vom öffentlichen Netz der Wasserversorger bis in die Haushalte zurücklegt. Risikofaktoren sind dabei zum Beispiel der Zustand der Leitungen und die Verweildauer des Wassers in den Rohren. Viele Hausanschlüsse in Deutschland sind älter als 50 Jahre. Da kann es zu Belastungen durch Blei, Zink, Nickel, Kupfer oder Kadmium kommen. Forscher des Fraunhofer-Instituts für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Stuttgart haben ermittelt, dass in den Haushalten jede sechste von 1500 untersuchten Trinkwasserproben über den zulässigen Grenzwerten lag. Diese Gefahr benennt auch der Vorsitzende des Verbands Deutscher Mineralbrunnen, Karl Tack. Dass Bundesumweltministerin Svenja Schulze Werbung für Leitungswasser macht, will er nicht akzeptieren. Statt „staatlicher Bevormundung“ sei vielmehr „Schützenhilfe für die Mineralbrunnen“ geboten, beschwert sich der Verbandschef.

Wer wegen der Qualität seines eigenen Leitungswassers unsicher ist, kann das Wasser selbst testen beziehungsweise testen lassen. Preiswerte Sets aus dem Baumarkt geben zumindest Aufschluss über die am häufigsten vorkommenden Verunreinigungen. In manchen Fällen müssen die Proben aber zur Auswertung an ein Labor geschickt werden, was teuer werden kann. Auch viele Wasserversorger bieten Untersuchungen von Proben aus privaten Haushalten an. Tipp: Trinkwasser, das mehrere Stunden in der Leitung gestanden hat, soll man kurz ablaufen lassen, bis es etwas kühler über die Finger läuft. Das minimiert potenzielle Schadstoffe.

Was für Mineralwasser spricht

Vor Umwelteinflüssen ist Mineralwasser grundsätzlich besser geschützt als Leitungswasser. Während dieses zum Teil Oberflächengewässern wie Flüssen oder Talsperren entstammt, wird Mineralwasser aus Quellen an die Erdoberfläche gepumpt, die sich bis zu 1000 Meter unter der Erdoberfläche befinden.

Manche Experten betonen auch, dass Mineralwasser einen wichtigen Beitrag zum Mineralhaushalt des menschlichen Körpers leisten könne. In der Fachzeitschrift „Der niedergelassene Arzt“ weist der Trierer Orthopäde Peter Krapf ausdrücklich auf den positiven Effekt von Calcium und Magnesium bei der Vorbeugung gegen Krankheiten wie Arthrose (Gelenkverschleiß) hin. Dieselbe Wirkung mit Tabletten zu erzielen sei schwierig, da „die Mineralien nicht wie im Mineralwasser in natürlicher Form und gut resorbierbar vorliegen, sondern an Salze gebunden sind und nur eingeschränkt verstoffwechselt werden“.

Andere Experten wie der Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker, Professor an der Universität Paderborn, betonen allerdings, dass der Mensch den Großteil seiner benötigten Mineralien ohnehin mit dem Essen aufnimmt.

Und dann spricht noch der von manchen gerühmte bessere, weil würzigere Geschmack für das Mineralwasser – aber das ist natürlich Geschmackssache.

Probleme beim Mineralwasser

Im Prinzip dürfte es kein reineres Lebensmittel geben als das Mineralwasser. Stichproben, die die Zeitschrift „Öko-Test“ im Sommer dieses Jahres vorgenommen hat, ergaben jedoch ein anderes Bild. Eine ganze Reihe von Produkten hielten der Prüfung nicht stand. Mit „ungenügend“ bewertet wurde zum Beispiel das Mineralwasser „Appolinaris medium“ wegen eines stark erhöhten Gehalts am giftigen Halbmetall Bor. Das Produkt „Vöslauer mild“ kam wegen leicht erhöhter Uran-Werte nur auf die Note „ausreichend“. „Jede fünfte Quelle ist verunreinigt“, befand die Fachzeitschrift.

Andreas Winkler von der Organisation Foodwatch moniert, dass es zum Beispiel für Uran bei Mineralwasser keinen Grenzwert gebe: Bei Leitungswasser sei das anders.

Die Ökobilanz des Mineralwassers fällt im Vergleich zum Leitungswasser aber auch deshalb nicht gut aus, weil das Lebensmittel oft über Hunderte, in manchen Fällen sogar Tausende Kilometer herangeschafft werden muss. Hinzu kommt, dass nur für rund ein Drittel der Glas- und Plastikflaschen ein Pfandsystem besteht. Der Rest wird im besten Fall wiederverwertet, aber auch dies belastet die Umwelt.

Welches Wasser soll es sein?

Für Foodwatch-Experte Winkler steht fest: „Mineralwasser ist unter dem Strich nicht besser oder gesünder als Leitungswasser. Wenn man aber den ökologischen Fußabdruck mit Transportwegen und Flaschenproduktion berücksichtigt, dann empfehle ich ganz klar das Trinken von Wasser aus dem Hahn.“

Aber vielleicht ist eine Kombination denkbar: Das täglich getrunkene Wasser kommt aus der Leitung. Zu gewissen Anlässen gönnt man sich statt Wein oder Bier ein besonderes Mineralwasser. Es muss ja keins vom Himalaya oder von den Fidschi-Inseln sein.
© Südwest Presse 21.11.2020 07:45
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