Querpass

Parallelwelt Fußball

  • über gelebte Hygiene in der Bundesliga Foto: Volkmar Könneke
  • Eng an eng: So sieht aktuell der Torjubel – nicht nur – bei Hertha BSC aus. Foto: Eibner
Salomon Kalou wird womöglich Woche für Woche in seiner neuen Heimat Rio de Janeiro ungläubig vor dem Fernseher sitzen. Wenn seine ehemaligen Teamkollegen von Hertha BSC ein Tor erzielen, kennt der Jubel keine Grenzen: Da begraben sechs, sieben Spieler den jeweiligen Torschützen unter sich und überhäufen ihn mit Küssen und Streicheleinheiten. Spricht doch nichts dagegen, oder?!

Nun ja, Kalou sitzt nicht umsonst in Brasilien, statt sich ebenfalls von Berliner Teamkollegen feiern zu lassen. An den Grund erinnern sich noch viele: Kurz vor dem Re-Start der Bundesliga inmitten der Corona-Krise hatte der 35-Jährige ein Video veröffentlicht, in dem er seine Teamkollegen per Handschlag und Schulterklopfer begrüßte. Der Aufschrei war groß, dass sich die Profis in einer Zeit der Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln so lässig über die Hygieneregeln hinwegsetzen. Obwohl schon damals auf dem Spielfeld der eine oder andere Torjubel unter Ansteckungsaspekten grenzwertig ausfiel, war Kalou der große Sündenbock des Fußballs und wurde sogleich suspendiert.

Seinen Abgang von Hertha BSC nach sechs verdienstvollen Jahren zum brasilianischen Erstligisten Botafogo FR im Juli bekam schon kaum einer mehr mit.

Umso erstaunlicher ist es, dass auch jetzt auf dem Platz gejubelt wird, als wäre nie etwas gewesen, obwohl die Ansteckungszahlen in schwindelerregende Höhe geschnellt sind und manche Mannschaft vom Coronavirus schon stark gebeutelt wurde. Dabei haben sich die Hygiene-Empfehlungen des DFB gegenüber Mai nicht geändert.

Es liegt eben doch eine gewisse Scheinheiligkeit in diesem Fußballgeschäft, das sich täglich für jeden einzelnen Profi einen PCR-Test leisten kann und vermutlich deshalb zum teils laxen Umgang mit der Pandemie zurückgekehrt ist. Die Entfremdung des Fußballs von der sorgsamen Bevölkerung ist scheinbar auch durch die Corona-Pandemie nicht zurückzudrehen.
© Südwest Presse 28.11.2020 07:45
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