Leichtathletik

Alina Reh verlässt den SSV Ulm 1846

Die vielversprechendste Langstreckenläuferin der Vereinsgeschichte wechselt zu einem Profiteam. Bei den Beweggründen spielt auch Corona eine Rolle.
  • Ausnahmeläuferin von der Alb: Die Laichingerin Alina Reh startet nicht mehr für Ulm. Foto: Eibner
Wer wissen will, wie tief die Ausnahmeläuferin des SSV Ulm 1846, Alina Reh, in ihrer Heimatregion verwurzelt ist, dem genügt ein Blick auf ihre Instagram-Seite. Da veröffentlicht die Laichingerin fast wöchentlich Bilder von Trainingseinheiten vor beeindruckender Alb-Kulisse. Und auf ihrem Profilbild strahlen in gleicher Größe vom Adidas-Trikot ihre lokalen Sponsoren Weideglück und die Sparkasse Ulm sowie ihr langjähriger Partner Burg-Wächter. Wer regionales Fernsehen schaut oder in der Donaustadt ins Kino geht, kommt am Werbespruch des fröhlichen Lockenkopfs „Da weiß i, was drin isch“, nicht vorbei. Und doch vollzieht Alina Reh nun den ganz großen Schritt: Ein Dreivierteljahr vor den Olympischen Spielen in Tokio verlässt die deutsche Meisterin über 5000 Meter ihren Leichtathletik-Verein in Richtung Berlin.

Kleine Laufgruppe

Dass es irgendwann vielleicht so weit kommen würde, deutete sich schon Anfang des Jahres an, als die Laichingerin sich mit Langstrecken-Bundestrainer André Höhne zusammenschloss. Von da an war viel Pendeln zwischen der Alb und seinem Wohnsitz in der Hauptstadt angesagt. Die Zeit, die sie beim SSV Ulm 1846 verbringen konnte, wurde zwangsläufig weniger. „In Berlin habe ich jetzt nicht nur meinen Trainer, sondern auch eine kleine Laufgruppe“, erzählt Alina.

Hauptgrund für den Vereinswechsel sind jedoch finanzielle Aspekte. „Im Zuge der Corona-Krise sind einige Sponsorenverträge nicht verlängert worden, so dass ich die Gelegenheit ergreifen musste, bei einem Berliner Profiteam unterzukommen. Dort erhalte ich jetzt mehr Unterstützung, um zumindest fürs nächste Jahr finanziell sorgenfrei trainieren zu können“, erklärt die 23-Jährige.

Da die Tinte auf dem neuen Vertrag noch nicht trocken ist, kann sie den Namen ihres neuen Vereins noch nicht bekannt geben. Bis zum Ende der Wechselfrist am Montag sollte aber spätestens Klarheit herrschen.

Der Abschied aus Ulm ist jedoch schon jetzt gewiss. „Dieser Schritt ist mir alles andere als leicht gefallen. Und ich habe ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass es dieses Jahr schon passiert“, gesteht Alina Reh, „aber ich wollte unbedingt bei meinem Ausrüster Adidas bleiben, der mich in Berlin unterstützen wird.“ Damit bedeutet der Vereinswechsel einen weiteren Schritt in Richtung Professionalisierung.

Allerdings betont die Langstreckenspezialistin, dass sie sich auch vom SSV 46 stets gut unterstützt gefühlt hat: „Ich war immer glücklich dort und möchte mich beim ganzen Verein herzlich für die vergangenen fünf Jahre bedanken. Aber es muss einfach weitergehen. Nun habe ich die Chance, sportlich einen weiteren Schritt zu machen. Diese Chance möchte ich ergreifen“, sagt die Sportsoldatin. Und in diesen unsicheren Zeiten, bei denen Sportler aufgrund ausfallender Wettkämpfe ihren Sponsoren aktuell kaum Gegenleistungen bringen können und Firmen wegen Kurzarbeit ihre Werbebudgets kürzen, bringt der neue Vertrag ein bisschen Sicherheit ins Leben der aufstrebenden Sportlerin zurück. Dabei könnte es andererseits für Adidas zum lohnenden Geschäft werden, wenn sich Alina Reh nächstes Jahr in den Schuhen der Herzogenauracher bei Olympia mit den Besten der Welt misst.

Während Alina Reh betont, dass sie ihrer Heimat nur auf dem Papier den Rücken kehrt, bedeutet ihr Abgang für den SSV Ulm 1846 einen schweren Schlag. „Wir verlieren eines unserer Aushängeschilder“, sagt Leichtathletik-Abteilungsleiter Wolfgang Beck, der den Schritt seiner Sportlerin jedoch nachvollziehen kann: „Wenn sie in Berlin besser verdient, muss sie das tun.“ Zumal Alina Reh wahrscheinlich irgendwann auf die Marathonstrecke wechseln wird, die in der Hauptstadt ebenfalls stark vertreten ist.

Beispiel Dieter Baumann

Ihrem Werbepartner Weideglück bleibt Alina Reh übrigens ebenso treu wie ihrer Heimat. „Praktisch ändert sich durch den Vereinswechsel wenig. Ich werde nach wie vor so viel Zeit wie möglich zu Hause auf der Alb verbringen“, sagt die EM-Dritte von Berlin 2018. Und auch Ulms Leichtathletik-Chef Wolfgang Beck ist sich sicher: „Alina Reh ist eine von hier und wird immer eine von hier bleiben, so wie es Dieter Baumann auch immer war, auch wenn er irgendwann für Leverkusen gestartet ist.“ Und wer künftig ins Kino geht oder das Regionalfernsehen einschaltet, dem wird die fröhliche Ausnahmeläuferin wohl auch in Zukunft weiterhin entgegen lächeln.
© Südwest Presse 28.11.2020 07:45
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