Gegen Ignoranz und Regen

„1000 Schlafsäcke für Moria“, so ruft eine Ulmer Gruppe zu Spenden auf. Sie wollen dabei helfen, Geflüchtete vor dem Erfrieren zu retten.
  • Bäche aus Regenwasser fließen vor und in Zelten im neuen Flüchtlingslager Kara Tepe. Foto: Anti Pazianou/afp
  • Die Flüchtlingshelfer Eric und Philippa Kempson. Foto: privat
Manche Bilder lassen sich nicht verdrängen. Bilder von Kindern, die an den Lippen des fremden Mannes hängen, weil sie etwas hören wollen von der Welt außerhalb des Stacheldraht-umzäunten Lagers.

Christian Bialas, Chefarzt Chirurgie der Donauklinik Neu-Ulm und Weißenau, hat sie vor Augen: Kinder, deren Umgebung aus Planen und Matsch besteht. Kinder, die so viel Hoffnungslosigkeit ertragen müssen, dass sie sich den Tod wünschen, wie ein 12-jähriger Junge, der sich in Moria, dem abgebrannten Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos, erhängen wollte. Bialas hat sie getroffen, immer wieder, seit er 2015 mit einem Thema konfrontiert wurde, das er sich so nicht gesucht hatte.

Es ist das Jahr der großen Flüchtlingswelle. Hunderttausende Menschen machen sich auf nach Europa. Sie kommen aus dem Kriegsgebiet in Syrien, aus Afghanistan, dem Irak und vielen Ländern Afrikas. Mit Schlauchbooten und Holzschachteln starten sie an der Nordküste Afrikas in ein vermeintlich besseres Leben – und stranden nicht selten auf Lesbos, wo es für viele kein Vor und kein Zurück mehr gibt.

Tausende kommen in diesen Sommermonaten pro Tag. An einen breiten Strom von Menschen, der alsbald Richtung Hauptort Mytilini zieht, erinnert sich Christian Bialas, der mit seiner Familie auf Lesbos Urlaub machte. „Wir haben ihnen noch Trinkwasser und Lebensmittel zugesteckt.“ Bei einem Ausflug trifft der Arzt aus Neu-Ulm auf Eric Kempson (65), einen Künstler aus Großbritannien. Er und seine Familie hatten sich da schon für Geflüchtete engagiert. Ihm sichert Bialas zu: „Ich helfe mit“.

Seit 2000 leben die Kempsons auf Lesbos. „Wir suchten ein leichteres, stressfreieres Leben“, sagt Ehefrau Philippa und lacht. Denn das Los der Menschen, die nunmehr seit Jahren zuerst in Moria, jetzt im neuen Lager Kara Tepe eingepfercht sind, lässt sie nicht mehr los. Mit ihrer humanitären Organisation „Hope Project Lesbos“ versucht sie deren Leid zu lindern. Christian Bialas und der Flüchtlingsrat Ulm/Alb-Donau unterstützen sie – derzeit mit der Aktion „1000 Schlafsäcke für Moria“.

„Man darf diese Menschen nicht vergessen, trotz Corona“, appelliert Christian Bialas. Schwere Regenfälle haben in den vergangenen Wochen fast alle Zelte im neuen Lager Kara Tepe geflutet. Jetzt fehlt es vor allem an warmen Schlafsäcke, Fleecedecken oder Isomatten.

„Wir müssen helfen, damit die Menschen nicht erfrieren“, bekräftigt Philippa Kempson. In Kara Tepe, das auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz errichtet wurde, gibt es keine Heizung, keine Elektrizität, kein warmes Wasser. Dabei ist das Felsplatteau gerade im Winter eisigen Stürmen und schwerem Regen ausgesetzt. „Es ist ,horrible‘, schrecklich“, sagt die 49-Jährige, während der Wind ins Telefon pfeift. Die zurückliegenden Jahre haben ihre Familie gefordert. „Die ganze Situation ist auch für uns frustrierend. Wir können den Menschen Trostpflästerchen geben. Ihre Situation ändern können wir nicht.“ Dass es Kinder gibt, die seit fünf Jahren nicht zur Schule gehen können, Erwachsene, denen Selbstvertrauen und jede Form von Selbstständigkeit genommen wird, hält die Britin für beschämend. „Es ist nicht okay, dass wir 2021 Menschen schlechter behandeln als Tiere.“ Europa habe seine humanitären Grundsätze aus dem Fenster geworfen.

Mit ihrem Mann und ihrer Tochter hat Philippa unweit von Kara Tepe Lagerhallen gemietet. Darin ist eine Kleiderausgabe, eine Nähstube und eine kleine Küche mit Bäckerei. Auch gibt es Platz für Mal-Workshops, einen Frisör, einen Beauty-Salon und Sportgeräte sowie einen Bereich, in dem Frauen einmal unter sich sein können. Flüchtlinge unterstützen das Ehepaar. „Da gibt es eine große Hilfsbereitschaft“, sagt Philippa Kempson.

Auf Hilfe von griechischer Seite braucht sie indes nicht zu warten. Die neue Regierung tue alles, um humanitären Organisationen das Leben schwer zu machen. Angriffe auf Helfer und Ärzte würden nicht geahndet, das rechtswidrige Zurückdrängen von Flüchtlingsbooten in türkisches Seegebiet nicht gestoppt. Auch in der Bevölkerung wächst Argwohn. Die rund 80 000 Einwohner der Insel fühlen sich mit den rund 8000 Flüchtlingen von der EU im Stich gelassen.

Anfeindungen und Morddrohungen haben die Kempsons von der Nordküste näher an den Hauptort Mytilini getrieben. Aufgeben wollen sie nicht. „Wir können doch nicht einfach weglaufen, und die Menschen sich selbst überlassen“, sagt Philippa Kempson. Wegschauen würden schon viele. Die Kempsons wollen weiterkämpfen. Doch dazu brauchen sie Hilfe.
© Südwest Presse 09.01.2021 07:45
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