Elementarer Anspruch auf Sprache

Zu "Ohne Hören kein Sprechen":
Es ist eine Frage des Selbstbewusstseins und Selbstverständnis eines jeden betroffenen gehörlosen Menschen, zur Taubheit oder eingeschränkten Hörfähigkeit stehen zu können. Viele gehörlose und schwerhörige Menschen wurden oft von hörenden Angehörigen oder Eltern, diese aber auch von HNO-Ärzten und Pädagogen der Bildungseinrichtungen für gehörlose und schwerhörige Menschen unterschiedlich stark beeinflusst, ihre "Behinderung" zu verstecken.
Die hörende "gesunde" Gesellschaft und verschiedene Berufsgruppen erschweren sich und den betroffenen Menschen eine gegenseitige respektierte soziale und wirtschaftliche Integration. Dies geschieht durch Anpassungszwang und -drang, Einschränkung der Berufswahl und einiges mehr. Ärzte und Pädagogen neigen in ihrer Überheblichkeit dazu, den Eltern betroffener Kinder und betroffenen Erwachsenen den Eindruck zu vermitteln, die "Defizite" Taubheit und Gebärdensprache dauerhaft beheben zu können.
Zum Glück sind wir Menschen Lebewesen und keine Maschinen, die man reparieren kann. Auch nicht immer lassen sich Maschinen reparieren, sie sind dann für immer kaputt. Es werden falsche Hoffnungen geweckt - und das auch oft auf sehr unwirtschaftliche und finanzielle Weise zu Lasten der Allgemeinheit.
Ein weiteres Beispiel von gesellschaftlicher Benachteiligung und Diskriminierung stellen die Bezeichnungen der Bildungseinrichtungen für Gehörlose und Schwerhörige als Sonder- und Förderschulen. Sonder- und Förderschulen wird in der Gesellschaft und Wirtschaft wenig Verantwortungskompetenz zugetraut. Sie haben erhebliche Probleme bei Überwindung von Vorurteilshürden in den Betrieben, Behörden, in der Öffentlichkeit. Warum kann man hier nicht einfach die Schule für Gehörlose und Schwerhörige St. Josef in Schwäbisch Gmünd wie eine normale Grund- und Hauptschule bezeichnen? Gehörlose und schwerhörige Menschen sind nicht dümmer oder klüger als hörende Mitmenschen. In der Schule kann man "Förderklassen" schulintern einrichten. Gehörlose und schwerhörige Kinder könnten gemeinsam unterrichtet werden und sich dabei gegenseitig unterstützen. Wir wollen keine medizinischen, pädagogischen, politischen, sozialen und gesellschaftlichen Versuchskaninchen sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass uns Gesellschaft, Politik und Wirtschaft seit Bestehen des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland in einem uns zustehenden elementaren Anspruch auf Sprache diskriminiert haben.Gehörlosenverein Ostalb e. V.,
Sandra Altmann, Essingen
© Schwäbische Post 14.01.2006 00:00
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