„Noch viel Handlungsbedarf“

Die frühere Weltmeisterin Pauline Schäfer hat psychische Gewalt ihrer Ex-Trainerin öffentlich gemacht. Die Ergebnisse der damit erzwungenen Untersuchung hält sie für unzureichend.
  • Pauline Schäfer ist enttäuscht über den Umgang des Turner-Bundes in der Affäre um ihre frühere Trainerin Gabriele Frehse: „Niemand hat sich bei einer Betroffenen gemeldet.“ Foto: Thomas Kienzle/dpa Foto: Thomas Kienzle
Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer hat den Deutschen Turner-Bund (DTB) für die aus ihrer Sicht unzureichende Aufarbeitung der psychischen Gewalt am Olympiastützpunkt Sachsen attackiert. „Es gibt sehr viele schwammige Aussagen, unter dem Strich weiß jetzt keiner von uns, wie es weitergeht“, sagt die 23 Jahre alte Turnerin.

Der DTB sieht „schwerwiegende Pflichtverletzungen“ für erwiesen und fordert die Beendigung des Arbeitsverhältnisses von Trainerin Gabriele Frehse durch den Olympiastützpunkt. Neben Schäfer hatten ihr auch andere Turnerinnen vorgeworfen, sie im Training schikaniert und Medikamente ohne ärztliche Verordnung verabreicht zu haben. Frehse bestritt dies.

„Ob die vom Turner-Bund geforderte Entlassung nun wirklich passiert, steht noch in der Sternen. Ich sehe da nicht wirklich ein aktives Handeln. Es kommt mir so vor, als würde sich der Vorstand des DTB jetzt in ruhigen Gewässern wissen. Aber ich sehe nicht die Dringlichkeit, die in so einem Fall nötig wäre“, erklärte Schäfer.

Schäfer: DTB nicht aktiv genug

Bisher sei keine persönliche Entschuldigung seitens des DTB bei ihr erfolgt. DTB-Präsident Alfons Hölzl hatte sich stellvertretend für den Turnsport öffentlich bei betroffenen Athletinnen für das erlittene Leid entschuldigt. „Niemand hat sich bei einer der Betroffenen gemeldet“, konterte nun Schäfer.

Und die Schwebebalken-Weltmeisterin von 2017 fügte hinzu: „Bis heute gab es kein Bedürfnis, über den Medikamentenmissbrauch zu sprechen.“ So entstehe der Eindruck, dass beim DTB die Wichtigkeit des Themas nicht empfunden werde. „Das ist für uns erschreckend“, sagte Schäfer.

Auch das sieht Hölzl anders. „Der Vorwurf der Medikamentenabgabe an Minderjährige, in einem Fall Tilidin, ist durch die von uns beauftrage Kanzlei bestätigt worden. Frau Frehse wurde daraufhin nach unserer Aufforderung durch den Olympiastützpunkt abgemahnt“, erklärte er.

Schäfer kritisierte zudem, dass ihre Aussagen noch 2018 – nach der Trennung von Gabriele Frehse – auf taube Ohren gestoßen waren. Der DTB räumte inzwischen ein, die damalige Aufklärung der Vorwürfe sei unzureichend gewesen. „Deshalb ist es wichtig, dass jetzt etwas passiert. Sie fordern die Entlassung von zwei Trainern, aber das ist aus meiner Sicht nicht genug. Es gibt von vielen Seiten noch Handlungsbedarf“, sagte Schäfer.

Nach ihrem Empfinden fühlten sich viele im DTB noch immer nicht richtig angesprochen. Ausnehmen wollte sie dabei Präsident Alfons Hölzl, der Anteilnahme gezeigt und ein Fehlverhalten des Verbandes reflektiert habe. „Andere Personen wie Sportdirektor Wolfgang Willam ziehen sich komplett aus der Verantwortung und schaffen es bis heute nicht, Farbe zu bekennen“, führte Schäfer aus.

Der DTB reagierte auf diese Kritik. „Die Skepsis, die Pauline Schäfer äußert, können wir nachvollziehen. Es wird eine unserer Aufgaben in den kommenden Wochen und Monaten sein, auch die Athletinnen und Athleten von unserem Willen zur Veränderung zu überzeugen und sie in diesen Veränderungsprozess einzubeziehen“, hieß es vom DTB. Der Verband werde persönliche Gespräche mit den Athletinnen und Athleten führen: „Dies gilt für die gesamte Führungsebene des DTB und damit auch für Wolfgang Willam.“

Laut Schäfer sei der Sportdirektor 2018 umfassend über psychische Gewalt und Medikamentenmissbrauch an Minderjährigen am Stützpunkt in Chemnitz informiert worden. „Er hat nichts unternommen, was auch nur ansatzweise einem Aufklären oder Entgegenwirken dieser Zustände entsprochen hätte“, sagte Schäfer.

Den Weg an die Öffentlichkeit bezeichnete Pauline Schäfer als „letzte Instanz“, um „nachhaltig etwas zu verändern. Und da geht es nicht nur um die Entlassung einer Trainerin. Ich will es schaffen, dass das große Ganze gesehen, das System verbessert und nicht immer nur weggesehen wird.“ Der DTB müsse Verantwortung übernehmen.

Ihre Ex-Trainerin Frehse hatte die Vorwürfe mehrfach bestritten. Eine vom DTB beauftragte Frankfurter Kanzlei kam unter anderem zu dem Ergebnis, dass „in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin vorliegen“.
© Südwest Presse 27.01.2021 07:45
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