Corona in Deutschland

Intensivmediziner fordern Lockdown bis in den April

Ärzte erwarten bei Lockerungen bereits im März einen deutlichen Anstieg schwer erkrankter Patienten. Das Ausmaß hänge davon ab, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt.
  • Foto: Bock / Quelle: Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin
Die deutschen Intensivmediziner fordern eine Verlängerung des Lockdowns bis Anfang April, um eine bisher nicht dagewesene Belastung der Krankenhäuser zu verhindern. Gleichzeitig müsse schneller geimpft werden – „mit allen Impfstoffen, die zur Verfügung stehen“, sagt Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Hintergrund ist ein mit der RWTH Aachen entwickeltes Prognosemodell. Dieses geht davon aus, dass es bei einer Lockerung kurz nach dem Treffen der Ministerpräsidenten und der Kanzlerin am 3. März zu einem deutlichen Anstieg der Zahl der Patienten auf den Intensivstationen kommen wird. Wie stark, hänge an der Reproduktionszahl, R-Wert genannt, die beschreibt, wie viele Menschen ein Erkrankter ansteckt. Liege der R-Wert bei 1, steckt also ein Infizierter einen Gesunden an, werde die Belegung der Intensivstationen von derzeit 2900 auf 4000 im Mai steigen. Betrage der R-Wert 1,2, sei „mit extrem vielen Patienten zu rechnen“, sagt Christian Karagiannidis, der das DIVI-Register aus der Taufe gehoben hat, welches über die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivstationen informiert. Dann müsse man mit einer „unkontrollierten Spitzenbelastung“ von 25 000 Patienten rechnen – der Spitzenwert bisher waren fast 6000 am Jahresanfang.

Karagiannidis verwies darauf, dass es von September bis Dezember 2020 häufig R-Werte über 1 und zum Teil auch über 1,2 gegeben habe. Aktuell liegt laut Robert-Koch-Institut die Zahl bei 0,98. Verschiebe man die Lockerungen in den April, seien die Folgen beherrschbar. Dann könne man „mit der Impfwelle vor die Infektionswelle kommen“. Jetzt noch „drei Wochen Disziplin, und wir können das Spiel in der Nachspielzeit gewinnen.“ Für die Vereinigung sei es notwendig, 80 Prozent der Bevölkerung zu impfen. Es führe deshalb kein Weg daran vorbei, sehr schnell die Hausärzte einzubeziehen.

Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) dürften bereits Ende März die Kapazitäten der Impfzentren nicht mehr ausreichen, um die dann vorhandenen Dosen zu verimpfen. Ohne die zügige Einbindung der niedergelassenen Ärzte werde die Kampagne „bald in einem gigantischen Stau nicht verabreichter, aber dringend benötigter Impfdosen steckenbleiben“, warnte KBV-Vorstandschef Andreas Gassen. Er rechnet mit Impfungen in 75 000 Haus- und Facharztpraxen in der ersten Hälfte des zweiten Quartals. Voraussetzung seien genügend Impfstoffe, Spritzen und anderes Material. Dann könne man bis August alle, die das wollten, tatsächlich geimpft haben.

Hajo Zenker
© Südwest Presse 26.02.2021 07:45
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