Schule neu denken

Die Pandemie hat gezeigt, wie schlecht es um den digitalen Unterricht in Deutschland steht. Dabei steckt im Einsatz elektronischer Hilfsmittel eine Menge Potenzial.
  • Mein Lehrer, der Laptop: Der Unterricht muss digitaler werden. Foto: ©Black Jack/Shutterstock.com
Es klang logisch: Während der Pandemie wird der Schulunterricht einfach in den virtuellen Raum verlagert. Doch das Homeschooling war in den vergangenen Monaten oft nur eine Notlösung. Immerhin haben Schüler, Lehrkräfte und Eltern nun eine Ahnung davon bekommen, was digitaler Unterricht alles leisten könnte. Sechs Ansätze, wie der Schulalltag von der Krise profitieren könnte.

1. Das Wichtigste: Nicht einfach zurück in die Zeit vor Corona Genau diese Gefahr sieht Dirk Zorn, Direktor des Bildungsprogramms bei der Bertelsmann Stiftung. Ein Zurück in die frühere Normalität wäre für viele Schulen wahrscheinlich die einfachste Lösung. Für Lehrkräfte, die viel Kreativität in ihre innovativen, digitalen Lehrmethoden gesteckt hätten, wäre dies aber ein Dämpfer, sagt er dieser Zeitung. Besser sei es, „Schule und Lernen neu zu denken“, betont Zorn. Zwar müsse dabei „nicht die Revolution ausgerufen werden“. Aber es gehe darum, an gute Erfahrungen während der Pandemie anzuknüpfen und an Stellschrauben für ein neues Lernen auch weiterzudrehen.

2. Mehr Neugier auf die digitalen Möglichkeiten Spielerische Lernvideos, Aufgaben per Online-Quiz – räumlich und zeitlich ist es mit neuen, digitalen Lösungen möglich, sich stärker vom Klassenzimmer und vom Stundenplan zu lösen. Außerdem: Wenn ein Kind krank ist, warum soll es nicht in Ausnahmefällen von zu Hause zugeschaltet werden? Auch beim Mangel an Lehrkräften in ländlichen Regionen könnten Zuschalten oder Streamen einen kleinen Ausgleich bieten. Zudem könnten Expertinnen und Experten aus dem Ausland das Kursangebot an kleineren Schulen erweitern, zum Beispiel mit Sprachunterricht durch Muttersprachler.

3. Mehr Eigenverantwortung wagen Sechste Klasse, Besuch bei der Feuerwehr: Die Kinder filmen mit der Videokamera. Im Unterricht wird das Material bearbeitet, geschnitten, mit einem Kommentar versehen. Einige Szenen bekommen vielleicht einen Musik-Hintergrund.

Zwei Vorteile bietet diese Art von Wissensverarbeitung: Erstens macht sie Spaß, weil die Schulkinder selbstständig am Tablet kreativ werden können. Zweitens kann jede Schülerin und jeder Schüler im eigenen Tempo vorgehen. Gerade in Schulklassen mit sehr unterschiedlichen Lernniveaus sei eine solche differenzierte Herangehensweise eine große Chance, sagt Thomas Irion, Leiter des Zentrums für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Die Lehrkräfte hätten dabei die Aufgabe, die jeweiligen Lernprozesse individuell zu begleiten und damit die Kinder und Jugendlichen für die digitale Welt fit zu machen.

4. Bewertungsmethoden überprüfen Voraussetzung dafür wäre auch, dass sich das Selbstverständnis der Lehrkräfte wandelt, sagt Zorn von der Bertelsmann Stiftung. Er empfiehlt, dass sich der Fokus mehr auf das Lernen selbst verschiebt, zum Beispiel mit längerfristigen Projekten, Gruppenarbeiten und viel Feedback untereinander. In der kurzen Präsenzzeit zwischen den Lockdowns sei deutlich geworden, dass die Art und Weise, wie geprüft werde, nicht optimal sei. „Exzesse von Tests und Klausuren in Präsenz“ hat er registriert. Dabei müssten „Klausuren gar nicht immer in Präsenz und alle zur gleichen Zeit stattfinden“ – die Schulgesetze gäben das vielerorts her. Selbstgemachte Spickzettel (Cheat-Sheets) könnten erlaubt werden und helfen, Informationen zu strukturieren statt sie auswendig zu lernen. Bei Klausuren müssten Schülerinnen und Schüler nicht an einen Ort gebunden sein. „Viele sind in der Bibliothek oder zu Hause konzentrierter als in einem Klassenraum“, sagt Zorn.

5. Daddeln, chatten, lernen Es ist ein gängiges Vorurteil: In ihrer Freizeit daddeln und chatten Kinder und Jugendliche schon genug am Smartphone, da brauchen sie nicht auch noch in der Schulstunde am Laptop zu sitzen. Pädagogik-Professor Irion ist da anderer Meinung. „Es geht nicht mehr darum, ob es sinnvoll ist, mit digitalen Medien zu arbeiten, sondern wir müssen fragen, was ist sinnvoll und was nicht“, betont er. Für das Erledigen der Hausaufgaben etwa in Mathematik sei es für die Schülerinnen und Schüler sehr hilfreich, wenn sie per Computerprogramm gleich eine Rückmeldung bekämen, ob sie richtig oder falsch gerechnet hätten.

Dass Kinder und Jugendliche beim digitalisierten Unterricht kaum noch vom Computer wegkommen, darf für Irion dennoch nicht sein. „Schülerinnen und Schüler müssen sich auch viel in der Natur bewegen“, sagt er. Das lasse sich aber auch mit digitalen Medien – Fotoapparat oder Videokamera – begleiten.

6. Lehrkräfte besser ausbilden Schnelles Internet, Laptops für Schüler und Lehrkräfte, digitale Tafeln, zuverlässige Lernplattformen – es ist ganz schön viel, was Schulen benötigen, damit sie die Kreidezeit hinter sich lassen können. Immerhin unterstützt der Bund im Rahmen des Digitalpakts die für die Bildung zuständigen Bundesländer mit 6,5 Milliarden Euro – auch wenn das Geld nur sehr langsam abfließt.

Pädagogik-Professor Irion weist zudem darauf hin, dass mindestens genauso wichtig wie die technische Ausstattung gut geschultes Personal ist. „Zum einen im Umgang mit der Technik, zum andern in der pädagogisch-didaktischen Begleitung.“ Um zu guten Ergebnissen zu kommen, müssten sich Forschung und Praxis deshalb noch enger zusammenschließen.
© Südwest Presse 26.02.2021 07:45
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