Porträt des AfD-Kandidaten Bernd Gögel

Nach dem Scheitern an die Spitze

Bernd Gögel, Vorsitzender der AfD-Fraktion im baden-württembergischen Landtag, wirbt mit FFP2-Maske und hinter Plexiglas um Wählerstimmen. Auf der Liste seiner Partei steht er ganz oben.
  • Anfang Februar spricht Bernd Gögel, AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, bei der Vorstellung des Wahlprogramms seiner Partei in Stuttgart. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
In jungen Parteien muss man zäh sein und flexibel zugleich. „Die AfD wird aus meiner Sicht keinen Spitzenkandidaten küren“, hat Bernd Gögel 2019 zur Landtagswahl gesagt. Eineinhalb Jahre später steht er samstags vor einem Einkaufszentrum in Mühlacker und ist dieser Spitzenkandidat selbst – unter Corona-Bedingungen.

„Bleiben Sie gesund, bleiben Sie zuhause!“, steht auf einer Kino-Anzeige neben dem AfD-Infostand. Gögel trotzt der Geisterstimmung mit Plexisglasscheibe und FFP2-Maske. „Das Wichtigste ist, gesehen zu werden“, glaubt der 66-Jährige.

Das wird er dann auch. Ein Rentner schimpft, dass die Corona-Verordnung der Landesregierung ihn um Gewerbemiete bringe, seine Altersvorsorge. Maskenpflicht-Verstöße in der nahegelegenen „Kebab-Allee“, wie er sie nennt, seien der Polizei dafür egal. „Wenn ich wüsste, dass Sie das, was Sie sagen, später auch machen – ich würde Sie wählen!“, erklärt eine Einkäuferin nach dem Blick in Gögels Prospekt. „Sie sind gegen uns, weil wir für euch sind“, steht darauf. Eine 72-Jährige strahlt, als sie Gögels Grüppchen erblickt: „Wegen euch bin ich extra hergekommen!“

Der Enzkreis ist eine Hochburg der AfD, Gögel ist hier geboren. Der Spross einer Vertriebenenfamilie war bis 2018 selbstständiger Speditionskaufmann und kurzzeitig auch in der CDU engagiert. Erfahrungen im Beruf bewogen ihn 2013 zum Eintritt in die neu entstandene AfD: „Als der nationale Ordnungsrahmen im Transportwesen wegfiel, gab es das Versprechen, dass innerhalb kürzester Zeit die sozialen und steuerlichen Verhältnisse harmonisiert sind“, berichtet er. „Da warten wir heute noch drauf, das war aber vor 25 Jahren!“

Gögel hält die Währungsunion für einen Fehler; er möchte zu einem Europa der Nationalstaaten zurück. Von Medien wird er oft „gemäßigt“ genannt; er selbst beschreibt sich als bürgerlich-konservativ. Um etwas zu bewegen, müsse die AfD Vertrauen gewinnen und koalitionsfähig werden. 2016 wurde er in den Landtag gewählt. Im Jahr 2017 setzte ihn der scheidende Fraktionschef Jörg Meuthen als seinen Nachfolger durch. 2019 wurde Gögel Co-Sprecher des Landesverbands.

Bei einem denkwürdigen Parteitag in Heidenheim hatte kein anderer Vorstandskandidat so deutlich die Klärung gesucht zwischen bürgerlicher Republiktreue und dem, was auch Parteiredner als Extremismus bezeichneten. „Ich bin mit unseren freiheitlich-demokratischen Werten mein ganzes Leben lang sehr zufrieden gewesen!“, rief Gögel angesichts drohender Überwachung durch den Verfassungsschutz. Wer Revolution machen wolle, solle raus auf die Straße gehen, aber auch raus aus der Partei. Gögel erntete zornige Protestrufe, aber auch Zuspruch. Er wurde gewählt – zusammen mit dem Bundestagsabgeordneten Dirk Spaniel, der sich als Brückenbauer zur rechtsextremen „Flügel“-Bewegung positioniert hatte. Die Doppelspitze endete ein Jahr später nach öffentlichen Schlammschlachten quer durch den Vorstand.

Goldene Krawattennadel, bedächtiger Habitus, Landeswappen am Revers: Das Bürgerlich-Konservative strahlt Gögel unterm weißen Scheitel schon äußerlich aus. Der Begriff will allerdings nicht ganz zu einer Fraktion passen, die sich im Landtag oft lieber in Pöbeleien ergeht als in traditionswahrender Contenance.

Die erste Legislaturperiode der AfD war turbulent. Noch unter Meuthen kam es zu einer vorübergehenden Fraktionsspaltung wegen Antisemitismusvorwürfen. Nach Saalverweisen ließen sich mehrere Abgeordnete von der Polizei aus dem Plenum schaffen. Der Südbadener Stefan Räpple wurde ausgeschlossen, nachdem er öffentlich zum gewaltsamen Umsturz aufgerufen hatte. Von ursprünglich 23 Fraktionsangehörigen sind heute noch 15 übrig. Gögel selbst hat einen Misstrauensantrag überstanden, aber keine Mehrheit mehr. Das völkisch-nationale Lager um seinen Vize Emil Sänze hat lediglich die nötige Zweidrittel-Marke bislang nicht erreicht.

Im Gegensatz zu einfachen Abgeordneten müsse man als Fraktionsvorsitzender jede Meinungsäußerung prüfen, hat Gögel unserer Zeitung einmal gesagt. „Ich kann denen gar nichts, die können mir alles.“ Trotzdem hat er durchgehalten und beendet die Legislatur als Fraktionschef. Obwohl sein Kreisverband als stramm rechts gilt, wurde Gögel erneut nominiert. Nach dem Scheitern im Vorstand der Landespartei ist er heute ihr Spitzenkandidat.

Fürsprecher schreiben das neben ausgeprägter Leidensfähigkeit einem ausgleichenden Charakter, Kompromissbereitschaft und Pragmatismus zu. Kritiker werfen ihm Selbstherrlichkeit, Opportunismus und mangelnde inhaltliche Profilierung vor.

„Ich glaube, dass sich die vernünftige Mehrheit in der AfD durchsetzt“, hat Gögel einmal gesagt. „Patrioten lieben ihr Land, achten aber auch die Rechte und Gepflogenheiten anderer Länder. Nationalisten verachten andere Nationen. Das hat zur größten Katastrophe in dieser Welt geführt, und das wollen 99,9 Prozent der AfD-Mitglieder und -Wähler nicht.“

Seine Frau und er äßen gern italienisch und französisch, gibt Gögel zu Protokoll; sein Lieblingsurlaubsziel sei die Provence. Auch musikalisch bevorzugt der Opernfreund italienische Kost. „Wagner ist mir zu schwer, zu typisch deutsch auch, die Schwermut in der Musik.“ Im Popbereich schlägt das Herz für die Schweden-Band Abba: „Das teile ich mit meiner Frau.“

Gögel ist evangelisch, in zweiter Ehe verheiratet. Er hat zwei erwachsene Kinder und vier Enkel. Der Borussia-Dortmund-Fan, der in seiner Jugend selbst Fußball gespielt hat, schreckt auch privat vor längeren Wegstrecken nicht zurück: Als liebste Freizeitbeschäftigung nennt er das Wandern gemeinsam mit seinem Hund Louis, einem Leonberger.
© Südwest Presse 26.02.2021 07:45
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