Murakami macht es kurz und gut

Im neuen Werk des japanischen Autors verwischt die Grenze zwischen Realität und märchenhaften Szenen.
  • : Erste Person Singular. Übersetzt von Ursula Gräfe. Dumont, 216 Seiten, 22 Euro. Foto: Dumont Verlag
Haruki Murakami kann auch kurz. Sein neues Buch „Erste Person Singular“ ist vom Umfang her bescheiden. Die acht Erzählungen kommen auf gut 200 Seiten. Dabei ist der bedeutendste japanische Gegenwartsautor vor allem durch Romane („Tanz mit dem Schafsmann“, „IQ84“) bekannt geworden. Aber Murakami (72) hat schon mehrfach gezeigt, dass er ein genauso starker Erzähler ist, wenn es nicht um die Langstrecke geht. Das gilt auch für sein jüngstes Werk.

In den von Ursula Gräfe übersetzten Erzählungen verwischt die Grenze zwischen Realität und märchenhaft wirkenden Passagen regelmäßig. Manchmal gelingt Murakami das geradezu humoristisch: Eine Geschichte widmet der Autor, der einige Jahre lang selbst einen Jazz-Club hatte, der Jazz-Legende Charlie Parker. Über eine von dessen Platten aus dem Jahr 1963 schreibt der Ich-Erzähler als Student eine enthusiastische, aber fiktive Besprechung. Denn die angebliche Bossa-Nova-LP gibt es gar nicht – Parker war da schon lange tot.

Jahre später entdeckt der Erzähler in New York in einem Second-Hand-Plattenladen genau die Scheibe, über die er geschrieben hat: „Charlie Parker Plays Bossa Nova“. Sogar die einzelnen Stücke stimmen mit denen überein, die er sich ausgedacht hatte. Wie kann das sein? Als er am nächsten Tag noch einmal hingeht, um sie kaufen, ist sie weg.

Ein Affe bedient die Gäste

Für den Kafka-Bewunderer Murakami ist Wirklichkeit eben nicht das, was im Lexikon oder im Biologiebuch steht. Da kann in einer ziemlich runtergekommenen Herberge auch mal ein betagter Affe auftauchen, der dort im Bad arbeitet und den Gästen seine Dienste anbietet. „Wünschen Sie, dass ich Ihnen den Rücken wasche?“, fragt er freundlich. Abends trinkt der Affe mit dem Erzähler noch ein Bier. Dabei erzählt er, dass er sich immer wieder in Menschenfrauen verliebt und eine ganz eigene Methode entwickelt hat, mit seinem Begehren umzugehen.

Gemeinsam ist den Geschichten, dass es oft um Erinnerungen geht. In der ersten kann der Erzähler eine Gedichtsammlung nicht vergessen, die er von einer Frau geschenkt bekommen hat. Unter Murakami-typischen merkwürdigen Umständen: Als Student hat er kurze Zeit zusammen mit ihr in einem Restaurant gejobbt. Eines Tages will sie bei ihm übernachten. Andreas Heimann
© Südwest Presse 03.03.2021 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy