Marokkanisches Rätsel für Berlin

Die Regierung in Rabat kappt die Verbindungen zur Botschaft – und niemand sagt, warum.
  • Die Fahnen von Deutschland und der EU wehen auf dem Dach der deutschen Botschaft in Rabat. Foto: Mosa'ab Elshamy/AP/dpa
Wenn es das Ziel der marokkanischen Regierung gewesen sein sollte, die deutsche Diplomatie in Verwirrung zu stürzen, so ist ihr das gelungen. Am Montagabend tauchte in mehreren marokkanischen Netzzeitungen ein vorgebliches Rundschreiben des Außenministers Nasser Bourita an seine Kabinettskollegen auf, in dem der Chefdiplomat darum bittet, „jeglichen Kontakt oder jede Kontaktaufnahme mit der deutschen Botschaft in Marokko auszusetzen“. Auch deutsche Stiftungen im Land sind betroffen. Es gebe zwischen den beiden Ländern „profunde Missverständnisse“. Aber welche mögen das sein? Die Antwort auf dieses Rätsel war im Laufe des Dienstags noch nicht gefunden. Das Auswärtige Amt bestätigt, von dem Problem zu wissen. Vorerst nicht mehr.

Konfliktthema West-Sahara

„Die Lage ist gestern für uns sehr überraschend eingetreten“, schreibt das Büro der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) in der marokkanischen Hauptstadt Rabat auf Anfrage dieser Zeitung. „Eine Bewertung können wir derzeit noch nicht vornehmen.“ Wie die HSS sind auch die Friedrich-Ebert-, die Heinrich-Böll-, die Friedrich-Naumann- und die Konrad-Adenauer-Stiftung betroffen. Sie alle sind ratlos. Sind sie der marokkanischen Regierung unwissentlich auf die Füße getreten oder wegen politischer Kontakte in Misskredit geraten? Tun sie zu viel für die Zivilgesellschaft in einem Land, das sich mühsam von einem autoritären zu einem freiheitlichen System bewegt? Sie wüssten gern mehr.

Den meisten fällt vor allem ein Konfliktthema ein: die West-Sahara. Die ehemalige spanische Kolonie wurde 1975 von Marokko besetzt und macht dem Land seitdem vor allem diplomatischen Ärger. Der Rest der Welt besteht auf einem Referendum über eine staatliche Unabhängigkeit der West-Sahara oder Autonomie innerhalb des marokkanischen Staates. Marokko aber weigert sich, ein Referendum zuzulassen.

Die deutsche Position in dem Streit habe sich in den letzten Jahren nicht geändert, heißt es bei den überraschten deutschen Diplomaten. Allerdings hatte Berlin im Dezember als Mitglied des UN-Sicherheitsrates das Thema auf die Tagesordnung gehoben, nachdem die USA die Rechte Marokkos auf das umstrittene Gebiet anerkannt hatten.

Inwieweit der Reiseverkehr von dem Streit betroffen sein wird, ist unklar. Momentan sind Einreisen für Touristen wegen Corona ohnehin nicht möglich. Eine Hoffnung bleibt immerhin: „Wir haben keine Hinweise darauf, dass Marokko die diplomatischen Beziehungen komplett abbrechen will“, heißt es in Diplomatenkreisen. Martin Dahms/Stefan Kegel
© Südwest Presse 03.03.2021 07:45
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