Hintergrund

Wie China Corona ausnutzt

  • Passagiere werden vor dem Betreten des Bahnhofs Hankou auf ihre Körpertemperatur überprüft. Was die Corona-Auflagen angeht, schaut China aber besonders bei ausländischen Journalisten genau hin. Foto: .Xiao Yijiu/XinHua/dpa
Spätnachts klopften die Sicherheitsbeamten an der Shanghaier Wohnung von Michael Smith, Korrespondent des „Australian Financial Review“, um ihn über seine Ausreisesperre zu informieren. Erst nach fünftägigen Verhandlungen, während der Smith in der australischen Botschaft in Peking Zuflucht suchte, durfte er ausreisen. „Dass die chinesischen Behörden uns mit einem Ausreiseverbot belegt haben, zeigt, dass die alten Präzedenzfälle nicht mehr gelten“, sagt er zurück in seiner Heimat. „Davor hatten wir angenommen, dass wir im schlimmsten Fall abgeschoben würden“.

Es ist ein Paradoxon: Einerseits ist das Interesse an China-Berichterstattung 2020 auf ein Allzeithoch gestiegen. Denn ganz gleich ob der Lockdown in Wuhan, die Menschenrechtsverbrechen in Xinjiang oder die Niederschlagung der Hongkonger Demokratiebewegung: Für eine differenzierte Einschätzung ist eine Präsenz vor Ort unabdingbar. Andererseits wird die Arbeit in der Volksrepublik für die internationale Presse immer schwieriger. Wie systematisch die Regierung kritische Berichterstattung ausländischer Journalisten behindert, demonstriert der Jahresbericht des Korrespondentenclubs in China. Zum dritten Mal in Folge gab demnach kein einziges Mitglied an, dass sich die Arbeitsbedingungen in China verbessert hätten.

Mit zweierlei Maß

Die Behörden setzen Pandemie-Maßnahmen gezielt gegen kritische Journalisten ein. So berichten Kollegen regelmäßig davon, dass sie mit Quarantäne-Androhungen, die für die restliche Bevölkerung nicht gelten, von Reportagereisen abgehalten werden. Vor allem aber zählen ausländische Journalisten zur einzigen Gruppe, für die China seine Grenzen geschlossen hält. Trotz Quarantäne und negativer Corona-Tests dürfen Korrespondenten nicht einreisen. Das trifft aktuell mindestens rund zwei Dutzend Journalisten.

Es ist davon auszugehen, dass mehr Kollegen aufgeben oder aufgrund ausgelaufener Verträge ausreisen. Da seit Beginn der Pandemie keine Visa an westliche Journalisten vergeben wurden, können die Stellen nicht nachbesetzt werden. Der Verdacht liegt nahe, dass die Regierung in Peking die Pandemie dazu nutzt, um die Reihen der Auslandspresse auszudünnen. Fabian Kretschmer
© Südwest Presse 03.03.2021 07:45
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