Von Erfolg und Ohnmacht

Der Stuttgarter Arbeitskreis Asyl engagiert sich mit Beratung und Veranstaltungen für Geflüchtete. Doch zur Zeit ziehen sich Aktive zurück.
  • Asylpfarrer Joachim Schlecht und die griechische Juristin und zeitweilige Praktikantin im Stuttgarter Arbeitskreis Asyl, Regina Frentzou, beraten Asylsuchende. Foto: AK Asyl
Dranbleiben ist das Gebot der Stunde. Zum einen setzt die Corona-Pandemie der seit 35 Jahren aktiven Bürgerinitiative zu. Zum anderen sind langjährig Engagierte alt oder krank geworden. „Wieder andere sind ausgelaugt und frustriert, etwa, wenn eine geflüchtete Familie abgeschoben wird, für die sie sich jahrelang eingesetzt haben“, berichtet Asylpfarrer und Koordinator des Arbeitskreises (AK) Joachim Schlecht. Zum Glück seien die Verbleibenden umso kämpferischer.

Denn die Not macht während des Lockdowns keine Pause. „Zu uns kommen Ratsuchende, deren Waschmaschine kaputt ist genauso wie psychisch erkrankte und von Abschiebung bedrohte Menschen“, sagt Schlecht. Er kennt ältere Geflüchtete, die vereinsamen, sowie Erwachsene und Kinder, die beim digitalen Lernen abgehängt werden. „Da bin ich froh, dass die Kirche Geld in die Geflüchtetenarbeit investiert.“

Der evangelische Kirchenkreis Stuttgart und die evangelische Landeskirche Württemberg unterhalten das Asylpfarramt in Stuttgart-Mitte und finanzieren die halbe Stelle des Chefs und den 80-Prozent-Job eines Sozialarbeiters. Mittel fließen auch in die Arbeit mit Flüchtlingsfrauen, Verwaltung sowie die Arbeit des gewählten ehrenamtlichen Sprecherrats. Auch ein kirchlich unabhängiger Förderkreis unterstützt die politische und soziale AK-Arbeit für Geflüchtete.

Der AK berät rund 1000 Betroffene im Jahr. Er hilft ihnen, den Alltag zu bewältigen, Arbeit oder Wohnung zu finden und sorgt für rechtlichen Beistand. „Aus der Einzelberatung per Mail, Telefon und im direkten Gespräch erwächst die politische Arbeit auf kommunaler, Landes- und Bundesebene“, sagt Schlecht. Zum AK Asyl zählen rund 50 Ehrenamtliche aus dem engeren Kreis, engagierte Geflüchtete und zirka 400 Interessierte aus Stuttgart und Umgebung.

Derzeit setzt sich der AK für Wlan in den Flüchtlingsunterkünften ein. Erwachsene schauten bei digitalen Deutschkursen in die Röhre, Kinder verlören beim Homeschooling den Anschluss. Auf eigene Faust einen Router zu installieren, sei Geflüchteten verboten. „In Degerloch hat deshalb eine Kirchengemeinde Wlan auf eigene Kosten eingerichtet“, sagt Schlecht.

Auch einige der 37 Stuttgarter Freundeskreise seien in Unterkünften aktiv geworden. Der Pfarrer sieht die Stadt in der Verantwortung. „Sonst ist die Integration bei Bildung und Sprachkenntnissen gefährdet.“ Immerhin gäbe es seit letzten Spätherbst in den 99 Stuttgarter Unterkünften drei Lernräume mit Wlan. Mehr sollen folgen. Die Aktiven haben Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann zum monatlichen AK-Plenum eingeladen. Und der neue Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper hat sich im Wahlkampf für Wlan in allen Unterkünften stark gemacht. In Backnang gäbe es das bereits.

Aufregen könnte sich Schlecht immer wieder über die „Duldung light“. Sie ist Teil des gut ein Jahr alten „Geordnete-Rückkehr-Gesetzes“, von Kritikern auch „Hau-ab-Gesetz“ genannt. Abgelehnten Asylbewerbern ohne gültigen Pass können etwa die Arbeitserlaubnis entzogen und die Leistungen um 50 Prozent gekürzt werden. Die Behörden verhängen diese Sanktionen, wenn sie der Meinung sind, die Betroffenen hätten sich zu wenig um einen neuen Pass bemüht. Joachim Schlecht: „Diesen Menschen wird das gesetzliche Existenzminimum gekürzt, das widerspricht dem Gleichbehandlungsgrundsatz.“

Wo früher in schwierigen Fällen ein Schulzeugnis, eine Geburtsurkunde oder Identitätskarte gereicht habe, zeige sich der Staat heute hart. Es träfe Menschen, die krank seien oder deren Herkunftsland einen neuen Pass verweigere, weil es die Geflohenen nicht mehr aufnehmen wolle. Andere Betroffene wie etwa Menschen aus Eritrea oder Kriegsdienstverweigerer aus Syrien hätten Angst, sich an ihren Verfolgerstaat zu wenden. Das bleibe unberücksichtigt.

Auch die Elendslager an den europäischen Grenzen entsetzen die AK-Aktiven. Sie fordern vom Land Baden-Württemberg, über ein Sonderkontingent 1000 bis 2000 in Not Geratene aufzunehmen. Schon 2015 und 2016 seien auf diese Weise rund 1000 Jesidinnen gerettet worden. Der AK mobilisiert auf seiner Homepage und in seiner Zeitschrift. Die Resonanz zeigt Schlecht, dass die Menschen nicht nur an Corona denken, sondern auch an Menschen in Not.
© Südwest Presse 03.03.2021 07:45
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