Suche nach Spezialisten

Das Technikunternehmen will 600 freie Stellen auf der Ostalb besetzen – und muss sich dafür einiges einfallen lassen.
  • Eine Technologie, in die Zeiss mehr als 1 Milliarde Euro gesteckt hat: die EUV-Lithografie. Foto: Zeiss
Was fällt einem beim Name „Zeiss“ spontan ein? Natürlich ein Brillenglas. Das ist für das Unternehmen sicher ein Vorteil – beim Verkauf von Brillen. Aber was ist mit den drei M's Mikrochip, Mikroskopie, Messtechnik? „Die Herausforderung haben wir schon immer“, sagt Konzernpressesprecher Jörg Nitschke, „wir werden zu sehr als Optikfirma wahrgenommen.“ Das kann ein Nachteil sein: Allein am Standort in Oberkochen sucht Zeiss derzeit händeringend mehr als 600 Mitarbeiter. Während andere Unternehmen unter der Pandemie leiden und Stellen abbauen, will Zeiss Physiker, Informatiker, Ingenieure, Facharbeiter, Mechatroniker, Projektleiter und Projektmanager und Menschen mit anderen Berufen einstellen. Frauen und Männer, die am Markt begehrt sind, sollen an das Flüsslein Schwarzer Kocher gelockt werden. Nur wie?

„Zunächst einmal mit der Faszination Technik“, sagt Personalchef Franz Donner. „Die Medizintechnik ist sinnstiftend, es wird etwas für das Allgemeinwohl getan.“ Auf ihrer Internetseite wirbt Zeiss mit einem Diagnostikverfahren, das im Amazonasbecken das Augenlicht der dortigen Bewohner bewahrt.

Vor allem die Halbleitersparte ist für das Stiftungsunternehmen extrem wichtig. Mit der sogenannten EUV-Lithografie soll sogar Technikgeschichte geschrieben werden: So genanntes extrem ultraviolettes Licht verkleinert Strukturen auf Computerchips, wie sie auch in Handys eingesetzt werden. EUV ermöglicht Chipstrukturen, die 5000 mal dünner sind als ein menschliches Haar. Die Bauteile werden dadurch günstiger und schneller und vor allem sparsamer, was sich auf den Energiehunger von Handys auswirken könnte. Etwa 25 Jahre hat es bis zur Marktreife gebraucht, mehr als 1 Milliarde Euro sollen laut Zeiss in die Entwicklung der EUV-Lithografie geflossen sein. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeichnete das Unternehmen, seinen Kooperationspartner Trumpf und ein Fraunhofer-Institut für die Spitzentechnologie mit dem Deutschen Zukunftspreis 2020 aus.

Doch reicht Technik aus, begehrte Akademiker und Facharbeiter auf die Ost-Alb zu locken? „Wir suchen auch über soziale Medien nach jungen Menschen, machen bei Computer-Wettbewerben an Universitäten mit und geben bestimmte Aufgaben gezielt an Studenten“, berichtet Donner. In einem sogenannten virtuellen Haus können sich Interessenten melden und direkt bei Fachabteilungen Arbeitsaufgaben und Technik kennenlernen. Mögliche Kandidaten sollen auf eine „moderne Art“ direkt angesprochen werden. „Wir investieren in Innovationen und in die Menschen und sind ein sicherer Arbeitgeber, auch das zählt“, sagt der Personalchef. Die Ostalb sei zumindest auf den zweiten Blick attraktiv. Es gebe ein großes kulturelles und sportliches Angebot. „Wir machen viel für die Verwurzelung.“

Auf der anonymen Arbeitgeber-Onlineplattform Kununu bekommt Zeiss bei Mitarbeiterzufriedenheit die Note 3,8 und liegt damit über dem Durchschnitt der Branche von 3,5 Punkten. Kritisiert wird aber etwa mangelnde Kommunikation und Information innerhalb des Unternehmens und die Wertschätzung von Frauenarbeit. Gelobt werden dafür direkte Gespräche „sogar mit dem Vorstand“, eigenständiges Arbeiten und die Mitarbeit an „konkurrenzloser Technologie“.

Um an Mitarbeiter zu kommen, zieht Zeiss alle Schubladen. Es findet eine Zusammenarbeit mit Kammern und Jobcentern statt. Interessenten werden von regionalen Unternehmen vermittelt, die sich von Mitarbeitern trennen. Ein Brückenprogramm des Landes, das Ingenieuren und Informatikern ein Berufsstart trotz Corona ermöglich soll, wird genutzt: „Wir schauen, wie wir sie einsetzen können“, sagt Donner.

In zehn Jahren stieg die Zahl der Mitarbeiter auf der Ostalb von 6000 im Jahr 2010 auf 9000. Zeiss kommt gut durch die Krise, der Gewinn gab zwar nach, der Konzernumsatz sank im abgelaufenen Geschäftsjahr aber nur leicht und der Auftragseingang lag über dem des Vorjahres.

Donner: „Was uns als Arbeitgeber auch auszeichnet, ist eine große Durchlässigkeit. Ein neuer Standort in Kalifornien wartet auf Interessenten.“
© Südwest Presse 03.03.2021 07:45
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Kommentare

dodeti77-gt

Schön, dass Zeiss mit diesen Plänen in die Öffentlichkeit geht. Weniger schön ist es allerdings, wenn Bewerbungen von Studienabsolventen, die nach ihrem guten Abschluss (übrigens als Ingenieur der Mechatronik) nach einer ersten Aufgabe im Berufsleben suchen, lapidar mit Standardschreiben abgelehnt werden. So geschehen in meinem Umfeld nach der ersten Veröffentlichung über die 600 zukünftigen Stellen in der GT im Dezember 2020. Ist man nicht bereit, Anfängern eine Chance zu geben? Will man nur Absolventen mit 1,0-Abschluss auf die Ostalb locken? Woran liegt es wohl? Es wäre interessant, wenn eine verantwortliche Person von Zeiss ebenso öffentlich dazu Stellung nehmen würde.

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