Nur Maultaschen sind Maultaschen

Meine sehr verehrten Damen und Herren der Geschäftsleitung der Firma Bürger. Namens aller echten und ehrlichen Schwaben lege ich, ohne diese gefragt zu haben, reinen Gewissens energischen Protest ein gegen die von Ihrer Firma in gnadenloser Perversion betriebene Verwässerung des Begriffs und vor allem des Inhalts der Urform der Maultasche. Für eine echte und ehrliche Maultasche, die automatisch auch ohne den verbalen Zusatz schwäbisch schwäbisch ist, ist es, sowie für einen echten und ehrlichen Schwaben, eine durchaus nichts zu rechtfertigende in Tateinheit mit fast militanter Provokation vollzogene vorsätzliche Beleidigung, wenn sie von Ihrer Firma beispielsweise mit Zutaten aus den Landstrichen der Bücklinge, Nordlichter und Fischköpfe als etwas Genießbares angepriesen wird. Unter den Vorzeichen der galoppierenden Globalisierung gehe ich davon aus, dass Zander-Maultaschen demnächst Froschschenkel-, Katzenpimmel- und geröstete Ameisenbeinchen-Maultaschen möglich machen. Ich stelle hiermit namens aller ungefragten echten und ehrlichen Schwaben den Antrag, die Firma Bürger wolle in Zukunft bei all ihren Un-Maultaschen und all ihren anderen exotischen Taschen gleich verfahren wie bei ihrer etwas zurückhaltenderen Bezeichnung ihres Lachsgemischs, das sie wohl prophylaktisch in den Kompromissbegriff Lachstaschen umgetauft hat, auf den Zusatz Maul verzichten. Der Begriff Maultasche ist durch seine in Jahrhunderten gewachsene Bedeutung und Zusammensetzung, die in alten schwäbischen Kochbüchern sattsam beschrieben ist, gewohnheitsrechtlich geschützt und darf nicht von Unwissenden oder Gleichgültigen zum Zwecke des Geschäftemachens missbraucht werden. Die Frage ist lediglich. Mit oder ohne Spinat. Ich gehe davon aus, dass dieses Schreiben Sie davon überzeugen konnte, dass es fürderhin eine sehr bedeutsame Aufgabe für Sie ist, den Begriff der Maultasche zu schützen und ihrem Wesen nicht durch modernistisches Pippifax den Boden zu entziehen. Nur Maultaschen sind Maultaschen, meine Damen und Herren!
Dietrich Bantel, Oberkochen
© Schwäbische Post 04.07.2003 00:00
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