„Aufarbeitungs-Ergebnisse selber finden“

Zum Leitartikel „Verspieltes Vertrauen“ von Elisabeth Zoll am 29. März:
Der Artikel hat zum Tenor, dass die Bischöfe nur individuelles Versagen am Werk sehen und im übrigen außerkirchliche Schuldige suchen, während für „viele“ Gläubige die Institution Kirche auf dem Prüfstand stehe. Dazu folgendes:
Erstens: Die Frage „Wie konnte es dazu kommen?“ bewegt Hirten und Gläubige gleichermaßen. Solange sie den Standpunkt des Glaubens teilen, werden sie nicht prinzipiell die so hohen moralischen Ansprüche ins Feld führen, die mit eben diesem Glauben verknüpft sind. Der Glaube eröffnet Lebensmöglichkeiten, die ohne ihn als lebensfeindlicher Zwang wahrgenommen werden. – Wo es freilich die Hierarchie ist, der es an Glauben fehlt, liegen wohl laxe Sanktionierung und primärer Schutz des „Gesichts“ der Kirche nahe.
Vermutlich ist aber einfach auch zu viel Zutrauen in Veränderungsfähigkeit und -wille der Täter am Werk gewesen, und zu wenig Einfühlung in die Opfer, zu wenig Bewusstsein von der Schicksalhaftigkeit solcher Erlebnisse.
Zweitens: In der FAZ des gleichen Datums konnte man lesen, dass die „Nebelkerzenzünder“ Mixa und Müller durchaus reale Anhaltspunkte für ihre Bemerkungen hatten.
Nebelkerzen werden dann daraus, wenn Medien das Gesagte derart vom Zusammenhang isolieren, dass es scheint, dies sei alles, was die Betreffenden zu der Sache zu sagen hätten. In ähnlicher Weise wird Papst Benedikt hingestellt, der gewiss keine monokausale Antwort gibt. Aber bei Ihnen wird aus seinem Hinweis auf das geistige Klima und auf laxes Interpretieren des II. Vaticanums ganz schnell „sein“ Rezept: Sittenstrenge und Rückwärtsgewandtheit. Damit treffen Sie sicher ein gängiges Bild des Papstes, aber mit der Wirklichkeit hat dieses nicht viel zu tun.
Drittens: Die Ursachen, die im nötigen Aufarbeitungsprozess zur Debatte stehen müssen, werden von Ihnen bereits im Einzelnen benannt. Liegt es da nicht nahe, dass Sie das zur Nachhilfe für die Bischöfe in Einzelartikeln genauer ausführen? - Die Einschränkung zum Punkt „Zwangszölibat“ ist wichtig und doch wieder ungenau: Nicht der Zölibat an sich erschwert die Auseinandersetzung mit sich selbst, sondern ein unreifes und unangefragtes Sich-Identifizieren mit dem Zölibatsideal.
Das Gleiche müsste zum Weiheamt gesagt werden: Nicht dieses selbst ist das Problem, sondern eine psychische Verfassung, die sich dieses als Ersatz für die eigene Persönlichkeit überstülpen will. In diesen Dingen haben die Bischöfe freilich schon vor der gegenwärtigen Krise hinzugelernt.
Fazit: Ein gründlicher Aufarbeitungs- und Reinigungsprozess ist unerlässlich, aber die Kirche kann und wird sich ihre Ergebnisse nicht von denen diktieren lassen, die es immer schon gewusst haben.
Lorenz Rösch, Neresheim
(Pfarrvikar)
© Schwäbische Post 03.04.2010 03:11
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy