„Die Kritiker machen es sich zu leicht“

Zu „Babies in Heimen misshandelt, vom 12. April:
Wir sind groß im Aufdecken von Missbrauchs- und Pflegeskandalen in Kinder-, Jugend-, Erziehungsheimen und Internatsschulen kirchlicher, kommunaler, privater oder staatlicher Träger und richten dabei die Blicke hämisch auf Täter aus dem kirchlichen Bereich, die unter höherem moralischem Anspruch stehen.
Die Kritiker machen es sich zu leicht, wenn sie unter heutigen, nicht zeitgeschichtlichen Maßstäben Vorgänge der Vergangenheit verurteilen und sie verkennen die damaligen Zeitumstände, die Gegebenheiten und Erfahrungen, aus denen die Sozialpädagogik seit 60 Jahren bis heute fortgeschritten ist und dadurch neue, heutige Beurteilungsmaßstäbe gewonnen hat.
Aller einstigen Täter kann man nicht mehr habhaft werden. Ein unaufgearbeiteter und unaufarbeitbarer Rest bleibt.
Ich will den Blick nicht von den Nöten der Betroffenen abwenden, aber anscheinend ist den Kritikern von heute nicht bewusst, welche zum Teil unsäglichen „deutschen“ und auch kirchlich-konservativen Erziehungsziele und -methoden das Jahr 1945 überdauert haben, welcher Mangel an fachlichem Verständnis bei Anstaltsleitern, Personalmangel an Pflegefachkräften bestand, welche Hilfskräfte im Einsatz waren und welche wirtschaftliche Armut in den aufgedeckten Misshandlungsfällen sich spiegeln? Nur gutgemeinte und nur gutwillige Mitarbeit ist ja deshalb noch keine qualifizierte Mitarbeit.
Und welchen Einfluss hatten die inzwischen meist verstorbenen, damals verantwortlichen „Stationsdrachen“ auf ihre nachgeordneten Mitarbeiterinnen? Das gehört auch zu einer gerechten Betrachtung, ist jedoch kein Freispruch der Täter.
Wann richten wir den Blick in die Zukunft? Welche Pflegenotstände und -skandale zwischen 1985 und 2025 und danach werden die Investigatoren des Jahres 2040 ausgraben? Hellmut Stroh, Aalen
© Schwäbische Post 19.04.2011 19:03
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