Mehr Züge – wieviel Prozent wovon?

Rechenspiele bei der Diskussion um „Stuttgart 21“:
Als ich in der siebten Klasse war, habe ich Prozentrechnen gelernt. Das Wichtigste dabei: Ich habe gelernt, dass es immer darauf ankommt: „Prozent wovon?“ Das bedeutet, dass „30 Prozent mehr“ erstmal nicht viel besagt. Das bedeutet auch, daß die Pressemeldungen „30 Prozent mehr Züge“, die ich seit Wochen lesen muss, nicht viel besagen. Außer eben: „mehr“.
Auch ein Zug mehr ist „mehr“. Und 50 Züge mehr sind auch „mehr“. Und „100 Prozent Züge mehr“ klingt nach „viel mehr“, obwohl es auch nur ein Zug mehr sein kann, mathematisch betrachtet.
Man sollte also hinzufügen: „mehr als“. Mehr als heute, mehr als früher, mehr als gedacht, mehr als befürchtet, mehr als behauptet, ... So wird das schon etwas präziser. Aber was ist mit den 30 Prozent?
Korrekt und dem Sachverhalt angemessen wäre:
Die Bahn will nachweisen, dass der Tiefbahnhof zwischen 7 und 8 Uhr morgens 30 Prozent mehr Züge fahren lassen kann als der Kopfbahnhof zufällig im Jahr der sogenannten Schlichtung im Fahrplan stehen hatte. Das bedeutet, dass die Maximalkapazität des Tiefbahnhofs dem heutigen Kopfbahnhof schon unterlegen ist.
Die Tiefbahnhofgegner fordern, dass die Bahn nachweisen soll, dass der Tiefbahnhof zwischen 7 und 8 Uhr morgens 30 Prozent mehr Züge fahren lassen kann als der heutige Kopfbahnhof könnte.
Das ist einleuchtend, denn um die Infrastruktur zu verschlechtern, baut man normalerweise keinen neuen Bahnhof.
Noch sinnvoller wäre es, die Leistungsfähigkeit von K21 und S21 zu vergleichen, um zu sehen, wie man mit weniger Geld eine leistungsfähige Infrastruktur bauen kann. Dieser Vergleich ist bei der sogenannten Schlichtung gescheitert, weil die Bahn nach vielen Jahren Planung keinen funktionierenden Fahrplan vorlegen konnte.
Dorothee Speck,
Stuttgart
© Schwäbische Post 22.07.2011 19:17
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