Werte spiegeln sich nicht wider

Zur Rede Angela Merkels im Schönblick:
(...) Was Frau Merkel zum Thema „Das christliche Menschenbild und die christlichen Grundwerte als Voraussetzung für politisches Handeln“ im Schönblick-Forum zu sagen hatte, wurde von den Anwesenden immer wieder mit Beifall quittiert. Nicht wenige der „Zaungäste“ reagierten jedoch eher nachdenklich oder kritisch distanziert auf manche Passagen ihres Vortrags, wofür es sicherlich gute Gründe gab.
Die christlichen Grundwerte seien eine Basis ihrer Partei und der ethisch-moralische Kompass für ihr politisches Handeln, hob die Kanzlerin nachdrücklich hervor. Daran zu glauben fällt mir allerdings schwer, denn mit christlichen Grundwerten wie Nächstenliebe und Solidarität mit Unterdrückten und Verfolgten lassen sich eine Reihe von bundespolitischen Weichenstellungen der letzten Jahre schwerlich vereinbaren. Für ganz und gar unchristlich halte ich zum Beispiel die Asyl- und Abschottungspolitik ihrer Regierung und ihrer Partei gegenüber den nach Europa drängenden Flüchtlingen.
Frau Merkel lieferte in ihrem Vortrag selbst das Stichwort dazu, als sie erwähnte, wie sehr sie der Besuch von Papst Franziskus auf der italienischen Insel Lampedusa beeindruckte. Leider unterließ sie es, seine Äußerungen angesichts des von ihm erlebten Flüchtlingselends und der zahllosen im Mittelmeer Ertrunkenen wiederzugeben: „Wer ist der Verantwortliche für das Blut dieser Brüder und Schwestern“, fragte dieser. Seine Antwort: Wir seien in die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ geraten.
(...) Aber auch bei anderen wichtigen bundespolitischen Entscheidungen hat man nicht den Eindruck, dass die christlichen Grundwerte eine Rolle gespielt hätten. Das gilt für die jahrelange Beteiligung Deutschlands am Krieg in Afghanistan, die unerträglichen und ständig zunehmenden Rüstungsexporte in Staaten, in denen die Menschenrechte nicht viel gelten oder gar ständig verletzt werden, für den bevorzugten Einsatz militärischer Mittel, um Konflikte in Krisengebieten angeblich zu lösen sowie für die Neuausrichtung der Bundeswehr, die laut den neuen Verteidigungspolitischen Richtlinien (VPR) vom Mai 2011 dazu befähigt werden muss, „einen freien und ungehinderten Welthandel sowie den freien Zugang zur Hohen See und zu natürlichen Ressourcen zu ermöglichen.“ Die Liste (...) ließe sich mühelos um weitere Beipiele verlängern.
Daher wäre es ehrlicher gewesen, wenn Frau Merkel sich hätte durchringen können, auf einen Vortrag über dieses Thema (...) zu verzichten, da sich diese Werte in ihrer Politik in vielen Bereichen nicht widerspiegeln.
Norbert Müller, Schwäbisch Gmünd, terre des hommes-Arbeitsgruppe
© Schwäbische Post 18.07.2013 20:11
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