Weder unter den Tisch kehren noch Fehrle verwerfen

Zu „In Gmünds Bewusstsein rücken“ in der GT vom 3. September äußert sich der „Welt“-Redakteur Dr. Tilman Krause. Krause entstammt der Gmünder Fabrikantenfamilie Wöhler.„Die Kontakte meiner Familie zu Fehrle stammen aus der Zeit vor, während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Fehrle war in meine Großmutter verliebt und hat sie gezeichnet. Das spielt vor dem Krieg. Als 1918 das erste Kind meiner Großeltern starb, gab mein Urgroßvater bei Fehrle den Entwurf für das Grabmal aus dem unbehauenen Fels vom Rosenstein in Auftrag, das Fehrle dann sehr gekonnt mit der klassischen Urne in Marmor versah, die man jetzt kaum noch sieht. Auch die erste Beschriftungs-Plakette geht auf ihn zurück.
1919 ließ mein Urgroßvater dann seine zweite Tochter, Gabriele, die später einen Hartmann heiratete, mit dem sie auch im Fehrle-Grab begraben liegt, von Fehrle porträtieren. Eine Gouache in sehr schrillen Farben, der man den Paris-Aufenthalt von Fehrle anmerkt.
Da es mit den Wöhlers nach dem Ersten Weltkrieg wirtschaftlich bergab ging, kann es sein, dass der Kontakt einfach einschlief. Zu den runden Geburtstagen schrieb meine Großtante Gabriele aber Fehrle noch. Fehrle war in meinen Augen ein Künstler, dessen Monumentalismus natürlich gut zu den Nazis passte. Anderes passte weniger, zum Beispiel der Stil, in dem er meine Großtante malte. Wir kennen ja aus der Literatur verschiedene Fälle von Künstlern, die zeitweise oder mit Teil-Aspekten ihres Werkes gefragt waren und trotzdem immer wieder mal oder sogar systematisch behindert, ja verfolgt wurden. Nach dem Krieg haben sie natürlich alle letztes betont. Ich nehme an, dass es sich mit Fehrle ähnlich verhielt. Er wollte vor allem eines: arbeiten. In den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft hatte er mal mehr, mal weniger Glück mit den braunen Herren. Durch seine geisteskranke Frau war er überdies akut gefährdet und vielleicht zu manchem Kompromiss bereit, den er unter anderen Umständen nicht gewagt hätte. Die Euthanasie war ja im Gegensatz zum Holocaust ein Thema, das relativ offen diskutiert wurde, sogar von deutschen Kanzeln angeprangert wurde, da wussten die Betroffenen also gut Bescheid und versuchten sich, jeder nach seiner Art, zu schützen. Auch dafür gibt es Beispiele, dass Künstler und Intellektuelle, die die Nazis „auf dem Kieker“ hatten, sich mal andienten, um Misstrauen zu zerstreuen. In jedem Fall finde ich, dass das alles nicht unter den Tisch gekehrt werden sollte. Verwerfen muss man aber darum Fehrle als Künstler und Menschen nicht!“ Dr. Tilman Krause,
Berlin
© Schwäbische Post 06.09.2013 22:18
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