Noch zeitgemäß?

Zur Diskussion über das Verhalten des Landesrabbiners:
Es gibt eine ganze Menge von Begrüßungsritualen: flapsiges Heben des Arms, der Hand, mehr oder weniger hoch, der gestenlose Gruß, Nase an Nase (wie es die Neuseelands Maori tun) oder eben der Händedruck, temperamentabhängig von weich, schwammig bis kräftig, hart. Allen gemeinsam ist dennoch die herzliche Begrüßung verbunden mit der Wertschätzung gegenüber dem Begrüßten. Ich möchte beileibe nicht behaupten, dass der Landesrabbiner Frauen nicht wertschätzt, zumal er sich (laut Presse) freundlich und angeregt mit Frauen unterhielt. Auch Frauen auf deutliche körperliche Distanz zu halten, schien (auch das laut Presse) nicht seine Sache zu sein. Nur der Händedruck, also die Berührung der nackten Hand (einer Frau!) gehe dem Rabbiner zu weit. Religiöse Besonderheiten des jüdischen Glaubens verbieten es ihm.
Dennoch soll die Frage erlaubt sein, ob ein religiöser Verhaltenskodex noch zeitgemäß ist, ohne das mit einem Mainstream gleichzusetzen. Es soll die Frage erlaubt sein, was schwerer wiegt: ein religiös begründetes Verhalten oder das Gefühl nicht wahrgenommen zu werden, unter Umständen sich in der eigenen Würde verletzt zu fühlen. Hinzu kommt, dass dieses Verhalten den Eindruck erweckt, dass Männer und Frauen nicht gleichberechtigt behandelt werden. Beide Empfindungen werden durch das Grundgesetz geschützt. Die Stadtverwaltung versuchte eben doch nur zu retten, was nicht mehr zu retten war. Das ist beschämend.
Ich bin froh in einem Land zu leben, in dem mir keine Kirche vorschreiben darf und kann, wie ich zu leben habe. Dass die katholische Kirche es dennoch versucht zu tun, beweist das erst kürzlich stattgefundene Konzil in Rom. Menschen, die den „heiligen Bund der Ehe“ aufheben werden religiös stigmatisiert. (. . .) Die Trennung von Kirche und Staat ist eine wichtige Errungenschaft der Epoche der Aufklärung. (. . .) Die eigene Meinung in Wort und Schrift zu äußern, gehört zu den großen Errungenschaften unserer Demokratie. Ich bin der Meinung, dass die katholische, vielleicht auch die protestantische Kirche, sich mit ihrem Regelwerk heute durchsetzen würde, hätte sich der heutige aufgeklärte Mensch davon nicht emanzipiert, d. h. befreit. Moralisch betreibt sie diesen Unsinn beispielsweise in Afrika in Bezug zur Empfängnisverhütung.
Auch muslimische Glaubensgemeinschaften müssen sich in Deutschland und weltweit die Frage gefallen lassen, ob religiöse Vorschriften noch zeitgemäß sind. Damit verbunden ist auch die Frage, ob religiöse Vorschriften vereinbar sind mit demokratischen Errungenschaften oder den Menschenrechten. (. . .) Ob die von der Stadtverwaltung geplante Soiree eine solche Auseinandersetzung anstoßen kann, bleibt abzuwarten. Vorausgehen muss allerdings eine deutlichere Positionierung zur „Leitkultur“, die für alle in Deutschland lebenden Menschen zu gelten hat.

Rudolf Lachenmaier,
Schwäbisch Gmünd
© Schwäbische Post 18.11.2015 20:42
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