Direkt in die Global Concert Hall

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„Dvořák Pur“: Das Sinfoniekonzert mit der Solistin Camille Thomas, Cello und der Cappella Aquileia unter der Leitung von Marcus Bosch wurde als Livestream übertragen. Zu erleben ist es noch auf der Plattform Idagio.

Camille Thomas, Marcus Bosch und die Cappella Aquileia spielen einen begeisterten Dvorak-Abend ins weltweite Internet.

Heidenheim

Konzerth-moll von Antonin Dvorak für Cello solo und Orchester, bekannt, geliebt, für manche das Cellokonzert an sich, ein emotionales und musikalisches Meisterstück. Es stand im Mittelpunkt des virtuellen Konzerts „Dvorak pur“, das am Sonntagabend von Heidenheim aus in die weite Welt gesendet wurde, mittels Internet aus dem Saal des Heidenheimer Konzerthauses in die unendliche Global Concert Hall der Plattform Idagio.

„Noch drei Minuten“, zählt die Aufnahmeleiterin. Marcus Bosch steht auf dem Dirigentenpodest, kein Laut ist zu hören, „noch zwei Minuten“ – ein Kichern, Grummeln aus dem Orchester, kleine Scherze zum Nachbarn lassen sekundenkurz ein wenig Spannung raus, dann „drei, zwo, eins“, Bosch beugt sich weit vor, der Taktstock vibriert in der rechten Hand, die Flöten kräuseln die Wellen– „Der Wassermann“, eine sinfonische Dichtung, also Programmmusik, beginnt leicht, verspielt, mit böhmischem Charme. Alsbald tobt das Orchester in sinfonischer Grandezza, es wird laut, die große Geste wird immer wieder abgetönt durch fast dezente Klänge. Das musikalische Gemälde ist leicht zu entziffern, die Komposition leuchtet die grausame Geschichte von verschmähter Liebe und Kindsmord aus. Bosch kontrolliert die Stimmungswechsel, lässt das Orchester ins große Fortissimo los, die Celli heulen wie die Windmaschine, die Pauke markiert den unerbittlichen Wassermann, die Streicher können alles, die Flöten und Klarinetten stiften leichtgängigen Trost, eine imposante Bass-Klarinette setzt einen ernsten Kommentar. Grandioser Auftakt, bestens gespielt von der Cappella Aquileia, die ihre Kraft kaum unterbringt in dem kleinen Konzertsaal, den das Orchester von der Bühne bis weit über das halbe Parkett ausfüllt.

Camille Thomas: Mädchenhaft und Grande Dame zugleich

Der Wassermann verlässt die Szene mit schroffer Dissonanz. Umbaupause für das Cellokonzert. Auftritt der Solistin Camille Thomas in grüngoldener Brokatrobe, mädchenhaft und Grande Dame zugleich. Das Konzert beginnt mit einem langen Prolog des Orchesters, dann das Cello mit dem berühmten Hauptthema des ersten Satzes. Camille Thomas nimmt die flotten Tempi des Orchesters eine Nuance zurück, lässt Ton in Ton aufblühen, emotional und seriös, ganz Innigkeit, ganz Romantik, große Gefühle.

Die Solistin lädt das Orchester zum Dialog ein. Das Ensemble nimmt im unbefangenen Tutti-Spiel Thema und Stimmung des Solocellos auf, jubelt, kommentiert, die Solistin strahlt im Musikantenglück. Das sind großartige Momente. Der Zuhörer vor Ort hofft, dass dieses Ereignis auch so rüberkommt durch den digitalen Stream ins häusliche TV-Gerät.

In den beiden anderen Sätzen lassen weder Spannung noch Stimmung nach. Camille Thomas spielt wundervoll, expressiv und differenziert, ohne Scheu gefühlvoll, manchmal nahe an der emotionalen Entäußerung, sie gibt alles, würde man im Pop sagen. Marcus Bosch moderiert den Dialog von Solo und Tutti; der Dirigent koordiniert nicht nur Cello und Orchester, sondern er bringt die Menschen zueinander, in die Gemeinsamkeit des Tuns und Erlebens, das Spiel wird zur neuen Qualität, das Ensemble zur schöpferischen Einheit.

Nach dem dritten Satz mit seinem slawischen Schwung, den wunderschönen Melodien, der böhmischen Fröhlichkeit folgt die rustikale 8. Sinfonie von Antonin Dvorak. Bosch kostet das Werk mit seinem sinfonischen Glanz, den langen prachtvollen Kadenzen, den eleganten Tempowechseln und im dritten Satz dem Spiel zwischen urbanem Walzer und ländlichem Volkslied aus, ein prächtiger Abschluss eines sehr schönen Konzertes in dem elektronisch und corona-hygienisch optimierten Konzerthaus. Noch besser geeignet für solche Unternehmungen wäre das Congresszentrum, aber dort wird zentral gegen Corona angeimpft – auf dass wir bald alle gemeinsam, live und in Farbe die nächsten Meisterkonzerte mit Marcus Bosch und der Cappella Aquileia erleben dürfen.

Das Konzert ist noch bis Pfingsten über die Webseite der Opernfestspiele Heidenheim www.opernfestspiele.de zu genießen oder auf https://idag.io/CappellaAquileia_PureDvorak.

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