Kirche

Reformbewegung honoriert Mut von früherem Generalvikar

Für den früheren Generalvikar des katholischen Bistums Speyer, Andreas Sturm, waren die Missbrauchsfälle ausschlaggebend für seinen Rücktritt. Er habe zudem den Zölibat verletzt, gibt er zu. „Wir sind Kirche“ lobt seinen Mut.

Mannheim/Speyer - Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ hält die Ehrlichkeit und den Mut des zurückgetretenen Generalvikars des katholischen Bistums Speyer, Andreas Sturm, für höchst anerkennenswert. „Es ist sehr gut, dass er nicht wie viele andere ein Doppelleben führt“, teilte „Wir sind Kirche“-Sprecher Christian Weisner am Dienstag mit. Gut sei auch, dass er „aber auch nicht in aller Stille und Heimlichkeit die römisch-katholische Kirche verlässt, wie das viel zu lange üblich war“.

Sturm hatte in einem Interview mit dem „Mannheimer Morgen“ gesagt, in einem von ihm verfassten und noch unveröffentlichten Buch schreibe er, „dass es in meinem Leben schon Beziehungen gab und dass ich auch mein Zölibat verletzt habe“. Beziehungen sehe er für sich „als etwas sehr Erfüllendes“ an.

Es trage zur Unglaubwürdigkeit der römisch-katholischen Kirche bei, wie sehr die kirchenrechtlichen Bestimmungen und die realen Lebensverhältnisse auseinanderklafften, sagte Weisner. Die Zölibatsverpflichtung widerspreche biblischen und theologischen Erkenntnissen. Sie könne nicht auf die Worte Jesu zurückgeführt werden. Gleiches gelte auch für das jetzige priesterliche Weiheverständnis der römisch-katholischen Kirche. „Die Zölibatsverpflichtung verletzt die Menschenrechte“, erklärte Weisner. Der Zölibat sei eher einer Disziplinierungsmaßnahme, als dass er der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft diene.

Sturm war am Freitag von seinem Amt zurückgetreten, weil er künftig als Priester in der Altkatholischen Kirche arbeiten will. Seine Abkehr von der römischen-katholischen Kirche hatte er so begründet: „Ich habe im Lauf der Jahre Hoffnung und Zuversicht verloren, dass die römisch-katholische Kirche sich wirklich wandeln kann.“

Die Altkatholische Kirche entstand nach den Entscheidungen des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870, wonach der Papst die oberste rechtliche Gewalt in der katholischen Kirche ausübt und in Fragen des Glaubens unfehlbar ist. Das Gebot der Ehelosigkeit (Zölibat) von Priestern gilt bei den Altkatholiken nicht, weil es „biblisch nicht begründbar“ sei. Das Katholische Bistum der Altkatholiken in Deutschland umfasst derzeit rund 60 Gemeinden in nahezu allen Bundesländern. In Bonn befindet sich der Sitz des Bischofs mit der Bistums- und Bischofskirche.

Wären sehr viel mehr Priester und auch Bischöfe so mutig und ehrlich wie Andreas Sturm, dann würden auch endlich die dringend notwendigen kirchlichen Reformen vorankommen, über die jetzt mit überzeugenden Argumenten auf dem Synodalen Weg beraten werde, meinte Weisner.

Im „Mannheimer Morgen“ nannte Sturm als Gründe für seinen Austritt unter anderem den Umgang der katholischen Kirche mit Missbrauchsfällen. „Ich bin immer davon ausgegangen, dass es Missbrauch in der Kirche gibt, aber dass es im Vergleich zur Gesamtgesellschaft prozentual so hohe Fallzahlen sind, und zu erleben, wie schwer sich Kirche mit dem Umgang tut, war ein starkes Kriterium.“ dpa

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