AfD und Antifa: Schorndorf im Ausnahmezustand

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Nach der Attacke auf den AfD-Wahlstand: Großaufgebot der Polizei bei der Kundgebung von Alice Weidel und ihren Mitstreitern.

Schorndorf. Ein komplett zerstörter AfD-Stand auf dem Schorndorfer Wochenmarkt, verstörte Wahlkämpfer, ein krankenhausreif geschlagener Landtagskandidat Stephan Schwarz: Der Angriff am Samstag vor einer Woche hat Schorndorf zutiefst erschreckt. Eine Woche später: Schorndorf ist wieder im Ausnahmezustand. Als Antwort auf die Attacke vor sieben Tage hält die AfD eine Kundgebung. Mehrere Gegendemos sind angekündigt. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot in der Stadt.

14 Uhr. Es knistert in Schorndorf, Anspannung liegt in der Luft. Am frühen Nachmittag beginnt sich die Stadt zu füllen. Bei strahlendem Sonnenschein treibt es die Menschen ohnehin aus den Häusern. Ein großes Polizeiaufgebot wird den Tag begleiten. Von der Bereitschaftspolizei bis zu Anti-Konfliktteams ist alles vertreten. Weiträumige Kontrollstellen sind eingerichtet. Am Oberen Marktplatz hat sich die AfD aufgebaut. Die Seitenstraßen dorthin sind mit Zulaufgittern abgesperrt. Zur AfD-Kundgebung werden Alice Weidel, Fraktionschefin im Bundestag, und ihre Mitstreiter Jürgen Braun, Martin Hess, Markus Frohmaier, Marc Jongen und Stadtrat Lars Haise in der Stadt erwartet.

Polizisten stehen dicht an dicht

Das Wetter ist wunderschön an diesem Samstagnachmittag, aber dies ist ein trauriger Tag für Schorndorf. Die bürgerliche Mitte hat keinen Platz in der Stadt an diesem Tag. Das sinnträchtigste Bild: Im Durchgang zwischen dem unteren Marktplatz, wo die Antifa sich versammelt hat, und dem Marktplatz, wo die AfD ihre Kundgebung abhält, stehen Polizisten dicht an dicht hinter Absperrgittern, behelmt und in voller Montur, manche mit Hund, eine regelrechte Barrikade ist das, bereit, um eine Straßenschlacht zu verhindern. Von hier nach dort, von dort nach hier führt kein Weg mehr.

Auf dem unteren Marktplatz hat sich bereits gegen 14.15 Uhr die Antifa versammelt, die Linken sind vom Bahnhof heranmarschiert. Zu hören gibt es die üblichen Sprechchöre: "Alle zusammen gegen den Faschismus!" Und: "Rassistisch, sexistisch, neoliberal - AfD, Partei des Kapitals!" Rote Fahnen wehen, es gibt Banner, Transparente und die Antifa-üblichen Schmähungen gegen die Polizei: "Großartige Unterstützung" leiste die und rolle "den Rechten den roten Teppich aus".

Aber das ist nicht richtig: Die Polizei versucht nur, mit einem klugen, personalstarken Auftritt, eine Eskalation zu vermeiden. Der AfD den roten Teppich ausgerollt hat die linksautonome Szene: Mit dem Überfall auf einen AfD-Wahlkampfstand am vergangenen Samstag, mit dieser selbstgerechten und brutalen Aktion, hat die linksradikale Szene diesen Tag, diesen Schorndorfer Großauftritt der AfD erst ermöglicht. Denn eigentlich gibt es derzeit keine großen öffentlichen Wahlkampfveranstaltung, wegen Corona. Der AfD aber gehört nun der Schorndorfer Marktplatz an diesem Samstag. Eine Kundgebung soll das sein laut Ankündigung. In Wahrheit ist es eine Wahlkampfveranstaltung, nichts anderes. Der AfD und nur ihr als einziger politischer Partei gehört die ganz große Bühne an diesem Tag.

Rund 400 Zuhörer bei der AfD-Kundgebung

Und man muss sagen: So laut die Antifa ist – an diesem Tag ist die AfD in der Überzahl. 15 Uhr: Während sich auf dem unteren Marktplatz vielleicht 250 bis 300 Leute versammelt haben und die Antifa-Aktivisten weitgehend unter sich sind, weil die Attacke gegen den Wahlkampfstand die bürgerliche Mitte verstört und abgeschreckt; während die autonome Linke sich also mit ihrer gewalttätigen Dummheit isoliert hat, haben sich auf dem mittleren Marktplatz rund 400 Leute zusammengefunden. Ein relativ buntes Publikum ist das, wenngleich deutlich männerdominiert, viele sind eher ältere Semester. Und es tummeln sich auch auffällig viele in militärisch-martialisch anmutenden Tarnjacken im Publikum.

Die AfD-Funktionäre, man kann es nicht anders ausdrücken, feiern den Moment, sie genießen ihre Empörung. Einpeitscher Markus Frohmaier schwärmt ins Mikro vom "tollen Ambiente", ein "wunderbarer Marktplatz" sei dies, eine "großartige Veranstaltung". Ein Passant: "Einfach scheiße" sei das alles hier. So etwas wie die bürgerliche Mitte, die moderierende Vernunft komme hier nicht mehr vor. Hier die Linken, da die Rechten, das sei doch schrecklich. "Die brauchen doch alle Sozialbetreuung", schimpft er. Eine Familie - Mutter, Sohn und Großmutter - hält ein selbst gemaltes Plakat in die Höhe: "Schorndorf sagt Ade zur Antifa und zur AfD", ist zu da lesen. Wenn es nur so einfach wäre. Laut und dominant sind beide Seiten an diesem Tag. Aber, sagt die Schorndorferin: "Mann muss aufstehen und sich wehren, wenn einem was nicht passt." Den Stand zu zerstören, sei nicht in Ordnung gewesen. Diese Tat für eine politische Kundgebung zu nutzen, aber auch nicht.

Und wie erwartet: Die AfD nutzt an diesem Schorndorfer Samstagnachmittag die Mobilisierungschance entschlossen. Fast genießerisch redet Alice Weidel, die AfD-Landesvorsitzende, gegen das vom unteren Marktplatz her heraufquellende Geschrei an. "Schön" sei es hier, "wirklich schön!" Sie sei überwältigt, dass so viele gekommen seien, um ein Zeichen zu setzen für eine lebendige Demokratie und eine friedliche Auseinandersetzung im politischen Diskurs. Ihre Partei, sagt Weidel, stehe für "positiven Pluralismus", für "unsere Demokratie", für eine "lebendige Demokratie, für die "friedliche Auseinandersetzung im politischen Diskurs", die AfD trete ein gegen die "Verhärtung der Fronten". Dieselbe Alice Weidel, die sich hier auf dem Schorndorfer Marktplatz zur Gralshüterin des Pluralismus erklärt, zur Warnerin vor verhärteten Fronten, hat im Deutschen Bundestag – nachzulesen im Plenarprotokoll - gegen "Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse" gehetzt. Was am Samstag zuvor geschah, nennt Weidel "Terror".

Das Wort mag manchen schrill überzeichnet vorkommen, wenn man bedenkt, dass zwar ein AfD-Wahlkämpfer eine Gehirnerschütterung erlitt, das Wort Terror aber bislang eher verwendet wurde für Mordtaten wie in Halle oder Hanau oder die Hassanschläge des NSU. Letztlich aber ist es die autonome Linke, die Alice Weidel das Wort "Terror" auf dem Serviertablett gereicht hat. Denn Weidel beschreibt das, was an diesem Samstag in Schorndorf geschah, absolut richtig: Eine "paramilitärische Truppe" hat "am helllichten Tag" den Wahlkampfstand einer Partei "überfallen". "Das muss man sich mal umgekehrt vorstellen", sagt sie: "Ein Aufschrei wäre durch die Medien gegangen, wenn das jemand von einer anderen Partei gewesen wäre." Weidel spricht von einem "dröhnenden Schweigen des Großteils der Medien", von Terrorismus, der sich gegen die Grundfesten der Demokratie richte. Die Saat der linken Ideologien und heimlichen Sympathisanten sei aufgegangen. Während viele Weidel-Fans klatschen, werden auch Buh-Rufe laut, was Weidel sichtlich irritiert. Einen AfD-Gegner in der Nähe der Bühne geht sie direkt an. "Sie sind Feiglinge, jemanden von hinten niederschlagen." Das sei ekelhaftester Stalinismus. Dann zeigt sie mit dem Finger auf ihn: "Guckt doch mal, wie idiotisch du bist." Daraufhin wird der Mann von mehreren AfD-Anhängern mit Handys fotografiert.

Scharfe Kritik an Medien und den "Altparteien"

16 Uhr. Das Wetter ist schön, aber es ist ein schwarzer Tag für Schorndorf: Die AfD zelebriert sich auf dem Marktplatz als Kraft der Demokratie, Mäßigung, Vernunft und "offene Gesellschaft", die Antifa schreit mit den immergleichen "Halt die Fresse"- und "Faschismus"-Sprechchören dagegen an, die Polizisten müssen sich dazwischenstellen, Samstagnachmittags-Überstunden schieben und sich dafür auch noch von den Linken dumm anmachen lassen - und die bürgerliche Mitte wendet sich mit Schaudern ab. Allen Reden der AfD-Sprecher gemeinsam: Die scharfe Kritik an den sogenannten "Altparteien" und an den Medien. Die Gefahr durch Linksextremisten werde verharmlost oder sogar geleugnet, behauptet MdB-Jürgen Braun. Er warnt vor Grünen, genauso wie vor Linken und vor der "grünstichigen CDU", die die Stimmung gegen die friedliche AfD anheize.

Marc Jongen, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands und Chefideologe seiner Partei, nennt Ministerpräsident Winfried Kretschmann eine "Mogelpackung", wettert gegen SPD-Vorsitzende Saskia Esken, gegen CDU und FDP. Die Attentäter von Hanau und Halle seien verwirrte Einzeltäter gewesen und nicht in rechtsextremistischen Strukturen zu finden. "Die eigentliche Gefahr", behauptet er, "geht von links aus." Unterdessen werden die Sprechchöre der Antifa am Rande immer lauter. Anlass für Markus Frohmaier, stellvertretender AfD-Landesvorsitzender, sich sichtlich gut gelaunt direkt ans Publikum zu wenden. "Durch euch hat die Antifa heute was zu tun. Sonst würden die am Bahnhof Senioren belästigen", ruft er unter dem Gelächter der Zuhörer. Frohmaier redet von freien Wahlen als Herzstück der Demokratie und dass sich angesichts des Angriffs auf den Landtagskandidaten Stephan Schwarz die Frage stelle, wie demokratisch die Wahlen wirklich seien. Doch der Angriff entspreche dem generellen Umgang mit der AfD: "Euer Hass und eure Gewalt können uns nicht brechen", ruft er. Und: Jeder Linke, der sich über Gewalt aufrege, aber zur Gewalt gegen die AfD schweige, sei ein "ekelhafter Heuchler."

Kämpferisch wie seine Vorredner gibt sich auch Martin Hess, stellvertretender innenpolitischer AfD-Sprecher im Bundestag. Die Antifa müsse verboten werden, bei Polizeieinsätzen ein "robuster Zwangsmitteleinsatz" erlaubt sein, fordert er. Seine Partei sei deutlich mehr Angriffen ausgesetzt als andere. Aber: "Je mehr wir angegriffen werden, desto unbeirrter halten wir an unseren Zielen fest." Auch diese Kundgebung sei nur aufgrund von Polizeischutz möglich. Als Mitschuldige hat der gelernte Polizist die Medien ausgemacht, die "Teil einer Verharmlosungsmaschinerie" seien. Alle Parteien, behauptet Hess, verharmlosten den Linksextremismus und seien deshalb unwählbar. "Ich liebe unser Land", sagt er. Aber einen großen Teil der Bürger verstehe er nicht. Gänzlich unerklärbar sei es für ihn, wie das Land einen grünen Ministerpräsidenten haben könne.

Kurz vor 17 Uhr: Die Kundgebung und Gegenkundgebung gehen überraschend schnell und geräuschlos vorbei. "Keine besonderen Vorkommnisse", vermeldet Erster Bürgermeister Edgar Hemmerich kurz darauf bei einer Pressekonferenz. Aufgrund des großen Polizeiaufgebots habe man verhindert, dass noch mehr Demonstranten in die Stadt gekommen seien. "Wir sind absolut zufrieden, der Einsatz lief wie geplant."  

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