175 Jahre Zeiss

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Die Nachricht vom Prozessgewinn gegen Carl Zeisss Gena wird in Oberkochen am 29. Juli 1954 am Werktor angeschlagen.
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Wie aus einer Werkstatt in Jena ein globaler Technologiekonzern mit mehr als 35000 Mitarbeitern wurde.

Oberkochen

Zeiss ist mit einem Jahresumsatz von mehr als sieben Milliarden Euro längst ein internationaler Konzern. Nach einer kleinen Corona-Delle ist das Unternehmen im Geschäftsjahr 2020/21 auf den Rekordkurs vergangener Jahre zurückgekehrt – rechtzeitig zum 175. Jubiläum. Ein Blick zurück auf die bewegte Geschichte des Unternehmens.

Carl Zeiss ist gerade einmal 30 Jahre alt, als er im Jahr 1846 in Jena eine Werkstatt für optische und feinmechanische Instrumente gründet. Er spezialisiert sich zunehmend auf die Herstellung von Mikroskopen. Bald beliefert er nicht nur den regionalen Markt, sondern exportiert seine Produkte weltweit. 20 Jahre später gewinnt Carl Zeiss den Physiker Ernst Abbe für sein Unternehmen, der die Mikroskope weiter verbessert. Abbes Engagement im Unternehmen weitet sich aus. 1877 wird er Teilhaber - und zunehmend zur prägenden Gestalt des Unternehmens. „Der junge Feinmechaniker Carl Zeiss hat erkannt, dass er Theorie und Wissenschaft benötigt, um Lösungen zu gestalten“, erklärt der aktuelle Vorstandschef Dr. Karl Lamprecht.

Das ist für die damalige Zeit revolutionär, denn Wissenschaft und Wirtschaft sind damals streng voneinander getrennt. So gelingt es Zeiss und Abbe, hervorragende Mikroskop-Objektive zu bauen – doch spezielles optisches Glas hierfür gibt es nicht zu kaufen. Die Antwort hat der 28-jährige Wittener Chemiker und Glasfachmann Otto Schott. Dieser entwickelt ein Verfahren, kleine Mengen an Glas zu erschmelzen. So können verschiedene Zusammensetzungen durchprobiert werden. Er erschmilzt eine Glassorte mit völlig neuartigen optischen Eigenschaften: das Lithiumglas. Schott schickt eine Probe im Jahr 1879 an den Physiker Abbe und lässt sich in Jena nieder, wo man ihm ein glastechnisches Labor einrichtet (das spätere Jenaer Glaswerk Schott & Genossen, die heutige Schott AG). Diese Kooperationen begründen das weltweite Wachstum des Unternehmens, die Philosophie ist heute noch dieselbe. „Wir setzen als Technologieunternehmen auch heute intensiv auf Partnerschaften, weil wir nicht alleine die Kompetenzen haben, um komplexe Lösungen zu bauen“, erklärt Lamprecht.

Nach dem Tod von Carl Zeiss gründet Ernst Abbe 1889 die Carl-Zeiss-Stiftung. Sie wird zur Eigentümerin des Unternehmens. Die Gewinne kommen der Wissenschaft, sozialen oder kulturellen Projekten und der Belegschaft zugute. Noch heute ist die Stiftung Inhaberin des Unternehmens. Für Lamprecht ist das auch ein Wettbewerbsvorteil. „Die Stiftung ist ein sehr angenehmer Gesellschafter. Sie erlaubt es uns, sehr langfristig und nachhaltig zu arbeiten. Natürlich schütten wir eine Dividende aus, damit die Stiftung ihre Aufgaben erfüllen kann. Aber wir können den größten Teil unserer Gewinne in die Zukunft investieren.“

Das Unternehmen wächst im ausgehenden 20. Jahrzehnt auch international schnell. Bereits 1893 wird die erste Niederlassung in London eröffnet. Bis zum Ersten Weltkrieg gründet Zeiss weltweit Filialen, die aber dann wegen des Krieges geschlossen werden. Dieses Auf und Ab wiederholte sich noch einmal bis 1945. Unter dem NS-Regime rüsten die Jenaer Flugzeuge, U-Boote, Panzer und Geschütze der Wehrmacht aus. In dieser Zeit setzt Zeiss auch Zwangsarbeiter ein. Dafür beteiligt sich das Unternehmen später an der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Basis für den heutigen Stammsitz Oberkochen gelegt, als die amerikanischen Truppen, die 1945 Thüringen besetzen, bei ihrem Rückzug in die vereinbarten Zonengrenzen 77 führende Wissenschaftler und Ingenieure von Zeiss mitnehmen. Mit deren Hilfe (und mit jener des Stammwerks in Jena) wird in Oberkochen ein neues Unternehmen aufgebaut. Die Sowjets demontieren in Jena ihrerseits Produktionsanlagen und deportieren Wissenschaftler und Facharbeiter in die UdSSR. Die Firma in Jena wird 1948 verstaatlicht. Fünf Jahre später wird das Ende der Zusammenarbeit beider Standort erzwungen. Beide Unternehmen sind viele Jahre teils erbitterte Konkurrenten, die sich um Warenzeichen streiten und in denselben Märkten tätig sind.

Nach dem Fall der Mauer 1989 ist schnell klar, dass nicht nur das Land, sondern auch die Unternehmen in Ost und West wiedervereinigt werden. Der Wille ist da, der Weg ist steinig. Vor allem der einstige Stammsitz Jena leidet: 1987 sind dort mehr als 30 000 Menschen tätig, vier Jahre später noch 2800. Zeiss gerät Mitte der 1990er-Jahre in eine tiefe Krise. Tausende Stellen werden abgebaut, das Produktsortiment verkleinert.

Heute ist die Carl Zeiss AG eine Holding, die mehrere Tochterunternehmen umfasst. Neben Oberkochen und Jena sind Wetzlar und Göttingen in Deutschland, Dublin und Minneapolis in den USA und Shanghai in China die wichtigsten Produktionsstandorte weltweit. Insgesamt beschäftigt Zeiss weltweit derzeit 35000 Menschen, 9700 in der Region Ostwürttemberg, 2300 in Jena. In Jena werden derzeit mehr als 300 Millionen Euro in einen komplett neuen Standort investiert. In die Fabriken in Ostwürttemberg flossen in den vergangenen zehn Jahren rund 700 Millionen Euro. Das Unternehmen besteht aus vier Sparten: Mikroskopie und Messtechnik, Medizintechnik, Konsumentenprodukte (Brillengläser und Objektive) sowie Halbleitertechnik. Letztere ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen, die dort entwickelte EUV-Technologie ist weltweit einzigartig und ermöglicht in Verbindung mit Lasertechnik von Trumpf und den Chipherstellungsanlagen von ASML die kleinsten und leistungsfähigsten Halbleiter der Welt. Partnerschaften sind also noch heute Grundlage für den Erfolg von Zeiss.

Carl Zeiss' erste Werkstatt in Jena.
Peter Grassmann tritt nach entscheidender Aufsichtsratssitzung am 16. Februar 1995 vor die Presse, Thüringer Wirtschaftsminister Franz Schuster im Hintergrund (links),
Zusammengesetztes Mikroskop von Carl Zeiss, Stativ I aus dem Jahr 1891.
Das Wohnhaus und Verwaltungsgebäude der Werkstatt von Carl Zeiss im Littergässchen, 1881 von Carl Zeiss bezogen.
Unterzeichnung Wolfgang Adolphs (Schott Mainz), Klaus-Dieter Gattnar, Horst Skoludek and Dieter Altmann (Jenaer Glaswerk) in the conference room at the Leicht guest house in Biebelried, 29 May 1990.
Jenaer Zeissianer demonstrieren gegen den drohenden Verlust ihrer Arbeitsplätze am 13. Februar 1990.
So soll der neue Standort von Zeiss in Jena aussehen.
Hauptwerk von Carl Zeiss im Jahr 1908.
Oberkochener Vorstandssprecher Horst Skoludek (rechts) mit Mitarbeitern der dortigen Rechtsabteilung Neithardt von Einem und Claudia Bolsinger.

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