5G soll die Wirtschaft verändern

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Von links: Werner Riek, Michael Setzen, Tanja Merz, Peter Schmidt und Thilo Rentschler.
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Der Mobilfunkstandard gilt als elementar für die Digitalisierung von Firmen. Die IHK hat in einer Studie Chancen und Status quo ermittelt. Digitalisierungzentren als erste Anlaufstelle.

Heidenheim

Die Digitalisierung verändert Wirtschaft und Gesellschaft. Wesentliche Voraussetzung ist die nötige Infrastruktur. Neben dem Glasfaserausbau fungiert der neue Mobilfunkstandard 5G als wichtige Schlüsseltechnologie. „Die Digitalisierung ist entscheidend für die Automatisierung, mit der die Firmen das drängende Problem des Fachkräftemangels lösen können“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler. Die IHK hat in einer Studie untersucht, wie 5G der Schlüssel zur Zukunft für Unternehmen in Ostwürttemberg sein kann. Zudem gaben Vertreter des Ostalbkreises und des Landkreises Heidenheim einen Überblick über den Netzausbau und Pilotprojekte mit 5G. Während der Ostalbkreis das Innovationsprojekt Rettungskette 5G vorantreibt, wird in Giengen die vernetzte Logistik der Zukunft entwickelt.

Die IHK sieht die Digitalisierungzentren (digiZ) in Aalen, Heidenheim und Gmünd als wesentlich, die 5G-Technologie den Firmen näher zu bringen. Denn eines steht nach Abschluss der Studie fest: Fast alle Firmen (96 Prozent) setzen sich mit der digitalen Transformation auseinander, doch lediglich 5 Prozent der mittleren und größeren Firmen suchen aktiv nach Anwendungen auf Basis von 5G, bei den kleineren Unternehmen sind es nur 3 Prozent. Immerhin ein Drittel der Größeren und ein Fünftel der Kleineren beginnen derzeit, sich mit dem Thema auseinandersetzen. „Die Firmen versuchen zu eruieren, in welchen Bereichen 5G sinnvoll sein kann“, sagt Peter Schmidt, bei der IHK zuständig für die Digitalisierungszentren. Schmidt kennt die Antwort: Logistik, Künstliche Intelligenz und Industrie 4.0 sind nur drei Bereiche, in denen 5G ein echter Vorteil sein kann.

Häufig hapert es bei den Firmen nicht nur bei der Perspektive, sondern auch mit der Expertise: Ein Viertel führt fehlende Kompetenzen als Grund an, sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt zu haben. „Häufig fehlt der Austausch mit Experten“, so Schmidt. Hier setzen die digiZ an. An diesen werden 200 000 Euro in den Aufbau von 5G-Campusnetzen investiert, damit Firmen einen Ansprechpartner und Sparringspartner bei der Evaluierung von 5G-Projekten haben. „Damit sind wir im Vergleich der Regionen sehr gut aufgestellt“, sagt Rentschler.

Woran es seit Jahrzehnten im ländlichen Raum hapert, ist die flächendeckende Verfügbarkeit von Glasfaser und Mobilfunk. Noch heute sind Funklöcher eher Regel denn Ausnahme. Beide, Glasfaser und 5G, sind untrennbar verbunden. „Ohne Glasfaser gibt es keinen sinnvollen Einsatz von 5G“, betont Werner Riek, Leiter des Breitbandkompetenzzentrums des Ostalbkreises. Denn die Mobilfunkmasten müssen per Glasfaser ans Datennetz angeschlossen werden. Der Kreis hat vor Jahren reagiert und baut in Eigenregie und mit Partnern das Backbonenetz aus. Insgesamt wird bis zu einer halben Milliarde Euro investiert, der Großteil kommt als Förderung von Bund und Land. Zudem unterstütze man die Kommunen, so Riek: So ist die Gemeinde Ellenberg die erste Kommune im Ostalbkreis, in der jedes Gebäude einen Glasfaseranschluss besitzt. „Gelingt uns das in der Fläche“, ist Rentschler sicher, „haben wir gegenüber Ballungsgebieten wie Stuttgart oder München sogar einen Standortvorteil.“

Ganz so weit ist es nicht. Vor allem der Ausbau der Mobilfunknetze kommt trotz gegenteiliger Bekundungen der großen Netzbetreiber nicht voran. Zudem klafft eine Lücke zwischen Theorie und Praxis: Die Provider weisen zum Beispiel Gebiete als erschlossen aus, in denen es keinen oder kaum Empfang gibt. Eine Handhabe haben weder Kreis noch Kommunen oder Region. „Es gibt derzeit keine zugelassenen Messverfahren, mit denen weiße oder graue Flecken nachgewiesen werden dürfen“, erläutert Michael Setzen, Wirtschaftsförderer des Landkreises Heidenheim. Nur damit könnte etwa die Bundesregierung mehr Druck auf die Konzerne ausüben – wenn sie es denn wollen würde. Bis Mitte des Jahres könnte es aber so weit sein.

Mit Beginn des Jahres startet der Ostalbkreis eine Langfristmessung der Mobilfunknetze. Der Plan: Auf allen öffentlich zugänglichen Straßen werden alle aktiven Mobilfunkfrequenzen gemessen, um ein detailliertes Bild der Mobilfunkversorgung zu erstellen. Genutzt werden Fahrzeuge der GOA, so Riek. Wie wichtig 5G in der Praxis sein kann, zeigt das Innovationsprojekt Rettungskette 5G, bei dem mit Hilfe von 5G-Technologien medizinische Daten zwischen Rettungsdienst und Klinik ausgetauscht werden. „Wir wollen zeigen, wie 5G den Alltag der Bürgerinnen und Bürgern verbessern kann“, unterstreicht Riek.

Auch im Landkreis Heidenheim setzt man auf Pilotprojekte. Auf dem BSH-Areal in Giengen wird per 5G die Logistik des Hausgeräteherstellers vernetzt. Ziel des Projekts: der automatisierte Transport von bis zu 40 000 Hausgeräten pro Tag auf dem Gelände. Die neu erarbeiteten Standards sollen als Blaupause für zukünftige Logistikprojekte dienen. Ab 2024 geht das Projekt in den Live-Betrieb. Setzen sagt: „Mit 5G wird der massive Einsatz des Internets der Dinge für eine große Anzahl an industriellen Anwendungen überhaupt erst möglich.“

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