Am Bau droht ein Tarifkonflikt

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Um Richtfest zu feiern, braucht es Bauherren, Architekten, Projektentwickler – und Bauarbeiter. Wegen kräftig steigender Umsätze fordert die IG BAU in der Tarifrunde deutlich mehr Geld.
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Während die Gewerkschaft deutlich mehr Lohn fordert, fürchten die Arbeitgeber Kurzarbeit – allerdings nicht wegen mangelnder Aufträge.

Aalen

Die anstehende Tarifrunde für die Beschäftigten am Bau dürfte für Spannung sorgen. Die zuständige Gewerkschaft IG BAU fordert ein Einkommensplus von 5,3 Prozent. „Es gibt einen regelrechten Stau am Bau. Maurer, Zimmerleute und Fliesenleger arbeiten am Anschlag, um die Auftragsflut zu bewältigen. Statt Kurzarbeit und Homeoffice heißt es bei ihnen: Überstunden und Wochenendarbeit“, so IG-BAU-Bezirksvorsitzender Mike Paul. Die IG BAU Stuttgart fordert deshalb, „die Beschäftigten in der Region an den guten Geschäften der Firmen fair zu beteiligen“.

Die Gewerkschaft unterfüttert ihre Forderungen mit Zahlen. „Der Boom der Branche hält schon seit Jahren an. Und es ist kein Ende in Sicht“, sagt Paul. Im Ostalbkreis seien im vergangenen Jahr 1459 neue Wohnungen gebaut worden – in Ein- und Zweifamilienhäusern, in Reihen- und Mehrfamilienhäusern. Die IG BAU beruft sich auf aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts. Danach flossen für den Neubau im Ostalbkreis Investitionen in Höhe von rund 297 Millionen Euro. Hinzu käme „ein wachsender Berg genehmigter, aber noch nicht fertiggestellter Wohnungen, der zu prall gefüllten Auftragsbüchern“ bei den Unternehmen führe: Nach einer Auswertung des Pestel-Instituts wurden im Ostalbkreis zwischen den Jahren 2011 und 2019 Baugenehmigungen für rund 1600 Wohnungen erteilt, die noch gebaut werden müssen.

Neben dem deutlichen Lohnplus sollen nach Willen der Gewerkschaft die sogenannten Wegezeiten, also die langen, laut IG BAU meist unbezahlten Fahrzeiten zu den Baustellen, entschädigt werden. Darüber hinaus sollen die Lohnunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland angeglichen werden.

Laut IG-BAU-Verhandlungsführer Carsten Burckhardt habe die Baubranche die Binnenkonjunktur im Corona-Krisenjahr 2020 entscheidend stabilisiert und einen noch stärkeren Einbruch verhindert. „Es ist überfällig, dass die Arbeitgeber diese Leistung anerkennen“, so Burckhardt.

Arbeitgeber fürchten Materialmangel

Die Arbeitgeber sehen die Lage allerdings bei weitem nicht so rosig – was aber nicht an fehlenden Aufträgen liegt. Wie die Bauwirtschaft Baden-Württemberg mitteilt, sei derzeit zwar die Entwicklung im öffentlichen Bau „bedenklich“. Dort gab es April mit 14,2 Prozent erneut ein kräftiges Auftragsminus. Über alle Bereiche hinweg gab es im April jedoch ein kräftiges Wachstum von rund 20 Prozent. Das liege aber an einem „starken Basiseffekt“. Im Vorjahresmonat sei die Nachfrage wegen der Corona-Pandemie schlagartig um 26,5 Prozent eingebrochen. Das relativiere die Zuwächse im vierten Monat dieses Jahr „erheblich“.

Thomas Möller, Hauptgeschäftsführer der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, blickt deshalb „mit gemischten Gefühlen“ auf die aktuellen Auftragszahlen. Zwar sei die Nachfrage beispielsweise im Wohnungsbau nach wie vor groß. Dennoch stecke die Branche in einer widersprüchlichen Situation: „Einerseits gibt es vor allem im Wohnungsbausektor mehr Aufträge als vor einem Jahr. Andererseits leiden wir seit Wochen unter einem extremen Materialmangel.“ Der damit einhergehende Preisanstieg sei nur ein Aspekt.

Gravierender sei, dass die Unternehmen der Bauwirtschaft oft nicht weiterbauen könnten, weil schlichtweg die Baustoffe fehlten. „Immer mehr Baufirmen und ihren Mitarbeitern droht deshalb Kurzarbeit. Dadurch verzögert sich für viele Bauherren auch ihr Bauprojekt. Wir hoffen, dass sich die Lage bis spätestens Ende des Sommers beruhigt, sonst geraten unsere Betriebe in eine ernsthafte Schieflage“, erläutert Möller.

Am Montag und Dienstag gehen die Tarifverhandlungen in die zweite Runde.

Der Boom der Branche hält schon seit Jahren an. Und es ist kein Ende in Sicht.“

Mike Paul, IG-BAU-Bezirksvorsitzender

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