Aus Plastik wird Öl: Recycling-Revolution in Aalen

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Aus Plastik wir d das sogenannte Syncrude-Öl.
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Technologie Die Dresdner Biofabrik hat eine Maschine entwickelt, die zur Recycling-Revolution werden soll, weil sie aus Plastikabfall Rohstoffe gewinnt. In Aalen wird die Technologie nun weiterentwickelt und in Serie gefertigt.

Aalen

Plastikmüll ist ein globales Problem, das die Ökosysteme auf der ganzen Welt massiv belastet. Die Dresdner Biofabrik will dem Problem nun die Stirn bieten – und hat dafür eine Maschine entwickelt und gebaut, die aus Plastik synthetisches Öl herstellen und damit wieder in den Ursprungszustand versetzen will. Die Effizienz ist dabei durchaus beeindruckend: Eine Tonne Plastikabfall soll bis zu 1000 Liter des sogenannten Syncrude-Oil ergeben. Den Rohstoff wollen die Dresdner dann an Chemiekonzerne verkaufen – die aus dem Öl wieder Plastik herstellen können. In Aalen hat die Firma einen Entwicklungsstandort auf dem ehemaligen SHW-Areal und jetzigem Gebrüder-Rieger-Campus, der vom Partner und Großanlagenbetreiber Enespa finanziert und gemeinsam mit den Fertigungspartner GRT betrieben wird. 20 Mitarbeitende dieser drei Firmen sind nun dabei, die Technologie weiterzuentwickeln.

Die Anlage verarbeitet sogenannte Post-Consumer-Abfälle zu Öl. Das sind PE- und PP-Kunststoffe, mit denen Lebensmittelverpackungen für Käse, Schinken und Co. hergestellt werden – und die häufig auf Müllkippen oder Verbrennungsanlagen enden. „Wir haben mehr als sieben Jahre an der Technologie geforscht und gearbeitet“, erklärt Hendrik Oeser von Biofabrik. Bislang galt es nämlich schlicht als energetisch zu aufwändig, dieses Plastik zu recyceln, im Gegensatz nämlich etwa zum PET-Kunststoff, aus dem Getränkeflaschen hergestellt werden. „Zwar werden PE und PP häufig mechanisch recycelt, jedoch gibt es hier das Problem, dass es keine reine Fraktionen gibt, sondern man es immer mit Anhaftungen, Aufdrucken, Metallbeschichtungen oder hartnäckigen Verschmutzungen zu tun hat.“

Die „Wastx Plastic“ genannte Maschine wird in Serie hergestellt und international vertrieben. Aktuell wird eine Anlage nach Afrika geliefert, die nächste nach Australien. In Großbritannien läuft aktuell schon eine Vorserienanlage. Interessant dürfte die Maschine, die dem Vernehmen nach pro Stück rund eine halbe Million Euro kostet, vor allem vor Entsorger und Industriekunden mit großen Plastikabfallmengen. Die Anlage entsorgt nicht nur Plastikmüll, sondern bringt den Betreibern auch Rendite. Denn die Biofabrik liefert nicht nur die Maschinen aus, sondern hat ein Netz von Chemieunternehmen aufgebaut, die das synthetische Rohöl verwenden können und wollen – und dafür natürlich auch bezahlen.

Bernd Müller hat das Konzept komplett überzeugt. Der Mögglinger Unternehmer ist einer der Vertriebsleute von Biofabrik im süddeutschen Raum. In der Region ist er vor allem als Entwickler des Gmünder Tunnelfilters bekannt und vertreibt Filteranlagen für verschiedene Anwendungen. Und er ist leidenschaftlicher Taucher und großer Fan der Philippinen. „Wenn Sie sich die Meere dort anschauen, ist es wirklich erschütternd, wie viel Plastik dort die Umwelt verschmutzt“, sagt er. An Land sehe es nicht viel besser. Überall verrottet Plastik aus aller Welt.

Müller will deshalb die Technologie der Biofabrik bekannter machen. „Gerade für Länder wie die Philippinen wäre das nicht nur gut für die Umwelt, sondern sinnvolle Entwicklungshilfe.“ Denn das gewonnene Öl kann laut Müller auch Generatoren antreiben, mit denen dann wieder Energie erzeugt werden kann. Dezentral Müll entsorgen – und dabei Strom gewinnen, viel besser geht es nicht, sagt Müller. „Da die Anlage zudem nur die Größe eines klassischen Containers hat, lässt sie sich gut verschiffen und dezentral einsetzen – eben dort, wo Plastik ein Problem ist.“

Um ein Liter des Öls zu erzeugen benötigt die Technik rund 0,75 Kilowattstunden, erklärt Oeser, dieser Liter Öl hat wiederum 11 Kilowattstunden Energie gespeichert. Wie genau die Pyrolyse (eigentlich eine uralte Technologie, wie Müller anmerkt) funktioniert und an welchen „Stellschrauben“ (Oeser) die Ingenieure und Entwicklungspartner der Biofabrik gedreht haben, um den Prozess so effizient ablaufen lassen, ist natürlich Betriebsgeheimnis. Klar ist nur: Für die Recycling-Welt könnte der Durchbruch dieser Technologie eine Zeitenwende einläuten. „Wenn, ja wenn die Entsorgungskonzerne bereit sind, ihre Geschäftsmodelle zu überdenken“, wie Müller etwas skeptisch anmerkt. „Die Entsorgungsindustrie dreht sich vor allem um Profite, nicht um das Wohl des Planeten.“

Zwar haben diverse Medien bereits über die Anlagen der Biofabrik berichtet, wirklich aktiv kommuniziert das Unternehmen aber noch nicht, wie Oeser erklärt. Das Unternehmen wurde 2014 von Oliver Riedel gegründet, der 1999 seinerseits die Plattform lebensmittel.de erfand und das Unternehmen zehn Jahre später an den Delticom-Konzern verkaufte.

Die Biofabrik ist nun Unternehmen wie Mission Riedels gleichermaßen, sagt Oeser. „Das Ziel war schon, eine Delle ins Universum zu schlagen“, sagt er und lacht. Die Entscheidung für die Ostalb als Niederlassung war übrigens leicht. „Aalen ist für uns als Standort ideal, es sind kurze Wege zu unseren Partnerbetrieben.“ Die allerdings wiederum jenseits Ostwürttembergs verortet sind.

Das Ziel war schon, eine Delle ins Universum zu schlagen.“

Hendrik Oeser, Biofabrik
Die Anlagen der Biofabrik passen exportgerecht in einen Container.

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