Betteltour für die Revolution

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Torsten Becker, Gründer und Geschäftsführer der Carbonauten aus Giengen.
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Mit Investoren machte Torsten Becker keine guten Erfahrungen. Mit seiner Erfindung will er nicht nur Teile der die Industrie revolutionieren - sondern auch helfen, das Klima retten.

Giengen

Mit deutschen Investoren ist Torsten Becker durch. „Die können uns mal“, sagt der Unternehmer und fügt schmunzelnd an: „Jetzt brauchen wir zwingend keinen mehr.“ Aus ihm spricht bittere Erfahrung mit den Kapitalgebern hierzulande, die ihn und sein Unternehmen über viele Jahre gepflegt ignoriert hatten – und das, obwohl der Firmengründer aus Giengen eine außergewöhnliche Karriere hinter sich und eine noch außergewöhnlichere Idee in sich hat. Becker nennt sich selbst „Dreamer“ und „Innovator“, für seinen Traum und seine Innovation hat er die Carbonauten gegründet.

Die Idee ist bestechend, grün, nachhaltig: Sein Unternehmen hat eine Technologie entwickelt, mit der Biokohlenstoffe produziert werden, die nicht nur aktiv CO2-Emissionen senken. Aus holzigen Resten von Biomassen der Forst- und Landwirtschaft, Lebensmittel-, Papier und Holzindustrie, Abfällen, die verrotten, verbrannt oder vergraben werden und damit CO2 ausstoßen, werden sogenannte NET-Materials. Die bestehen aus Biokohlenstoffen, die pro Tonne bis zu 3,3 Tonnen CO2 speichern und kombiniert mit anderen Stoffen etwa in der Bauwirtschaft, der Kunststoffindustrie oder der Autobranche zum Einsatz kommen. Zusätzlich entsteht beim Produktionsprozess erneuerbare Energie, die grundlastfähig, also ständig verfügbar ist. Eigentlich sollte diese Idee, ein solches Produkt in Zeiten, in denen sich die Industrienation Deutschland der Nachhaltigkeit verschrieben, ein Selbstläufer sein? Becker weiß: Ist es nicht.

Den deutschen Finanz-Investoren, denen erschloss sich das Konzept nicht. Becker war auf der Suche, alle würdigten seine Idee, nur Geld geben, das wollten sie nicht. Klinken putzen, Kontakte knüpfen, dann wieder die Absage. „Eine Betteltour“, sagt Becker. Doch er gibt nicht auf. Vor einigen Monaten gibt es die Wende.

Zum einen findet Becker keinen klassischen Investor, sondern die Forest Finance Capital, die auf der Suche nach nachhaltigen Anlagemöglichkeiten ist und sich mit 1,5 Millionen Euro an den Carbonauten mit 9,5 Prozent beteiligt. So baut Becker eine Pilotanlage in Eberswalde, weiteres Kapital kommt vom Land Brandenburg.

Noch wichtiger: Zu Jahresanfang führt die Bundesregierung den CO2-Preis ein. Pro produzierter Tonne Kohlendioxid aus fossiler Energie werden 25 Euro fällig. Der Preis wird, egal wer die künftige Bundesregierung führt, steigen. Das schreckt nicht nur den Autofahrer an der Tankstelle auf, stärker noch die Firmen. Vor allem Konzerne durchleuchten ihre Produktion und Lieferketten, versuchen den CO2-Fußabdruck zu minimieren. „Der Druck ist immens“, sagt Becker. Auch mit Autobauern gibt es Projekte: Bestimmte Komponenten könnten künftig zu Teilen aus dem, so Becker, „leichteren, beständigeren und günstigerem“ Carbonauten-Material hergestellt werden. Ebenfalls testet ein deutscher Gartengerätehersteller. „Kunststoffe haben eine schlechte CO2-Bilanz, da liegt es nahe, Mischstoffe zu entwickeln.“ Kunststoffgranulat mit bis zu 50 Prozent Biokohlenstoff lautet die Formel.

Becker glaubt fest an den Durchbruch des Stoffs und hat fünf Divisionen definiert. Die „Carbonauten Agroforestry“ wird das Bodensubstrat Terra Preta und Pflanzenschutzmittel herstellen. „Der Stoff ersetzt Agrarchemie auf dem Feld oder Tierpharmazeutika, kann etwa Kühen verabreicht und wirkt in etwa so wie die Kohletablette bei Durchfall beim Menschen.“ Und es soll sich positiv auf die Verdauung von Kühen auswirken, die Produktion von Methangasen reduzieren. Zudem will Becker konventionelle und erdölbasierte Baustoffe, in der Schwerindustrie wiederum fossile Brennstoffe ersetzen sowie für die Energiewirtschaft Energie bereitstellen. Auch Firmen aus der Papierindustrie zeigen Interesse an der Technologie. Deren Abfallstoffe könnten karbonisiert werden. „Mit bis zu 20 Carbonatoren in der Nähe einer Papierfabrik können jährlich rund 200 Gigawattstunden thermisch, 40 000 Tonnen Kohlenstoffe und Zertifikate für 120 000 Tonnen CO2 erzeugt werden“, erklärt Becker. Auch in den CO2-Zertifikatehandel könnten die Carbonauten einsteigen – und damit für Investoren umso interessanter werden. Schon heute „kaufen“ sich Firmen für die CO2-Belastung ihrer Produkte und Dienstleistungen frei, die Biokohlenstoffe bergen da enormes Potenzial, so Becker.

Produktionsstätten für die Materialien sind überall auf der Welt denkbar, auch in der Region könnte bald ein Standort gebaut werden. Einziges größeres Hindernis ist die Investitionssumme von fünf Millionen Euro, der Aufbau und der Betrieb wäre für die Carbonauten problemlos zu stemmen. „Das Modell ist einfach skalierbar“, sagt Becker.

Das Unternehmen will mit dem Produktionsstart 2022 seinen Status als Start-up abstreifen, doch geht das Konzept auf und sie schaffen es wie geplant mindestens 15 Anlagen in vier Jahren zu realisieren, könnte der Umsatz auf mehr als 170 Millionen Euro steigen. Becker denkt schon weiter: Bis 2030 wollen die Carbonauten bis zu 200 Standorte weltweit betreiben, was einem Umsatz von mehr als drei Milliarden Euro entsprechen würde. Es ist ein ehrgeiziges Ziel und wirkt aus schwäbischer Sicht überambitioniert – auf jeden Fall ist es das Ziel des Träumers und Innovators Becker: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Anlässlich der MAKE Ostwürttemberg am 25. und 26.9. an der Hochschule Aalen stellen wir wöchentlich ein Start-up aus der Region vor. Am kommenden Samstag erklärt Zoltan Demeter, Gründer von Syfit in Aalen, wie er mit seinem System die Digitalisierung beschleunigen will.

Die Investoren können uns mal.“

Torsten Becker, Gründer und Geschäftsführer
So könnte die Fertigung von sogenannten NET-Materialien der Carbonauten aussehen.

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