Bullinger macht Energie künftig selbst

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Hans-Jörg Bullinger und sein Unternehmen investieren einen hohen einstelligen Millionenbetrag in ein neues Kraftwerk am Standort Abtsgmünd.
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Die Holzwerke Bullinger versorgen sich künftig mit einer eigenen Anlage selbst mit Strom und Wärme. Vom neuen Pellets-Kraftwerk soll auch die Gemeinde Abtsgmünd profitieren können.

Abtsgmünd.

Bislang stellten wir im Rahmen unserer Serie vor allem die Reaktionen der Unternehmen auf die drohende Gaskrise in den Mittelpunkt. Doch jede Krise birgt auch Chancen, die viele Unternehmen in der Region ergreifen. In Abtsgmünd entsteht derzeit auf dem Gelände der Holzwerke Bullinger ein innovatives klimaneutrales Pellets-Kraftwerk.

Bereits im vergangenen Herbst, als die Energiekosten langsam stiegen, starteten die Planungen für die Anlage, mit der sich die Holzwerke Bullinger nicht nur deutlich energieeffizienter und umweltfreundlicher aufstellen – sondern auch bis zu 80 Haushalte mit Wärme versorgen können. Gleichzeitig steigt Bullinger mit der Investition in die Pelletsproduktion ein. Die Nachfrage nach Holzpellets als Brennstoff hat in den vergangenen Monaten spürbar zugenommen. Am Stammsitz des Unternehmens in Abtsgmünd laufen derzeit die Bauarbeiten an dem Kraftwerk, in das das Unternehmen von Hans-Jörg Bullinger „einen hohen einstelligen Millionenbetrag investiert“, wie dieser erklärt.

Betrieben wird die Anlage, die pro Stunde rund 950 Kilowatt Strom und 1500 Kilowatt Wärme produzieren wird, mit Pellets. Diese werden aus den ohnehin anfallenden Holz-Resten im Werk des Unternehmens gepresst. „Damit sparen wir uns pro Jahr rund 1500 Lkw-Ladungen an Holzabfällen, die unser Werk bisher verlassen“, erklärt Bullinger. Die Hälfte der hergestellten Pellets wandert dann direkt in das Kraftwerk, das daraus den kompletten Strom erzeugt, mit dem das Werk betrieben wird. „Da die Anlage Tag und Nacht sowie die komplette Woche läuft, erreichen wir im Betrieb nicht nur ein hohes Maß an Energiesicherheit, sondern können nicht benötigten Strom ins Netz einspeisen“, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter.

Der Clou an der Anlage: Die Pellets werden nicht verbrannt, sondern in einem Prozess, der mit weniger Sauerstoff als das reine Verbrennen auskommt, zu Gas umgewandelt, mit dem anschließend das BHKW Strom erzeugt. „Das BHKW funktioniert dabei wie ein klassischer Verbrennungsmotor, ist aber sehr viel effizienter“, so Bullinger. Zum Vergleich: Heizt man mit Holz, liegt der Wirkungsgrad bei 25 Prozent, „die neue Anlage hingegen schafft dank guter Isolierung und der kombinierten Erzeugung von Wärme und Strom 80 Prozent Effizienz“, erklärt Bullinger. Zusätzlich seien die Emissionen überschaubar: Die zunächst geplanten 3 BHKW stoßen in etwa so viele Abgase aus wie ein durchschnittlicher Lkw-Motor. „Diese sind jedoch zu 100 Prozent aus regenerativen Energieträgern erzeugt und somit klimaneutral.“ Auch die Lärmemissionen halten sich dank der Bauweise der Anlage (und des massiven Betongebäudes, das die Firma Traub aus Ebnat erstellt) in engen Grenzen.

Bei der Stromproduktion entsteht zudem Wärme. Die heizt nicht nur die Hallen des Holzwerks während des Zweischichtbetriebs von 6 bis 22 Uhr und die neu errichteten Trocknungsanlagen mit Wärmerückgewinnung, sondern könnte zusätzlich bis zu 80 Haushalte das Jahr über mit der nötigen Energie versorgen. „Wir diskutieren gerade ergebnisoffen, wie diese Energie transportiert werden kann“, sagt Bullinger, der sich ein Nahwärmenetz gut vorstellen kann. „Gemeinsam mit den umfassenden Photovoltaikanlagen und der Biogasanlage auf dem Gemeindegebiet dürfte in Abtsgmünd bald mehr Strom und Wärme aus regenerativen Energien produziert als verbraucht werden“, sagt Bullinger.

Dass die Anlage bereits vor Jahresende in Betrieb gehen soll, obwohl erst Ende des vergangenen Jahres die Planungen konkret wurden, liegt auch an den Behörden. „Das Landratsamt und auch die Gemeinde haben uns sehr gut unterstützt“, sagt Bullinger. „Der politische Wille zur Veränderung und zur Energiewende ist da.“

Die andere Hälfte der hergestellten Pellets wird Bullinger am freien Markt verkaufen. Berichte, wonach es eine Mangellage am regionalen Pelletsmarkt geben soll, kann er nicht nachvollziehen. „Mit drei Standorten zweier namhafter Unternehmen in der Region, ist Ostwürttemberg bereits jetzt sehr gut aufgestellt“, erklärt der Unternehmer. „Rechnet man noch unsere Anlage hinzu, kann die Region ihren Bedarf auch in Zukunft mehr als decken.“

Das Unternehmen

Die Holzwerke Bullinger wurden 1913 gegründet, bis 1999 war der Stammsitz in Abtsgmünd ein Sägewerk, danach stellte das Familienunternehmen auf die Weiterverarbeitung von Schnittholz um. Dank dieser Entscheidung ist das Unternehmen seit Jahren auf Wachstumskurs.  

Der Standort war 2013 erweitert worden, um die produzierte Menge verdoppeln zu können. 2021 stieg die Kapazität nochmals um 30 Prozent. „Leider haben wir derzeit keine Möglichkeit mehr, den Betrieb zu erweitern“, erklärt Hans-Jörg Bullinger. Bullinger bewirtschaftet im Kochertal eine Fläche von rund sieben Hektar. 2021 lag der Umsatz der Holzwerke Bullinger bei rund 180 Millionen Euro.

Zur Gruppe gehören ein Standort in Neuruppin in Brandenburg mit 130 Mitarbeitenden und ein Sägewerk (45 Beschäftigte) in Wunsiedel in Oberfranken. Während das Werk in Abtsgmünd von Hans-Jörg Bullinger geführt wird, hat sein Bruder Andreas Bullinger die Leitung des Standorts in Neuruppin inne. Am Standort Wunsiedel betreibt ein Partner bereits ein mit Holzvergasern betriebenes Kraftwerk, wie derzeit in Abtsgmünd gebaut wird.

Das Kraftwerk in der 3D-Ansicht.

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