Chips & Co.: Wer Glück hat, kriegt die Hälfte

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Weil nicht nur Mikrochips knapp sind, stockt in vielen Bereichen der Wirtschaft die Produktion.
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Lieferschwierigkeiten und Nachschubmangel erfassen immer mehr Bereiche. Trotz voller Auftragsbücher droht in den Industriebetrieben der Ostalb Kurzarbeit.

Aalen

Das geht vorbei – glaubten wohl viele, als sie im Frühjahr von Nachschubmangel bei Holz, Stahl oder Mikrochips hörten. Mittlerweile jedoch hat sich die Lage eher verschlimmert: Die Knappheit erfasst immer mehr Produkte und hindert Unternehmen, auf vollen Touren zu produzieren – selbst wenn die Auftragsbücher voll wären. Statt auf Erholung stehen die Zeichen deshalb vielerorts auf Kurzarbeit.

Von der Bezirksgruppe Ostwürttemberg im Arbeitgeberverband Südwestmetall heißt es, die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie litten massiv unter einem Mangel an Vorprodukten wie Halbleitern, gestörten Lieferketten und teuren Rohstoffpreisen. Geschäftsführer Markus Kilian fordert deshalb, die in der Coronakrise erweiterten Kurzarbeitergeld-Regelungen auch über das Jahresende hinaus fortzuführen.

Kurzarbeit bei Bosch AS

Wie alles mit allem zusammenhängt, wird beim Lenkungshersteller Bosch AS in Schwäbisch Gmünd deutlich: Weil Halbleiter knapp sind, können die Kunden aus der Autoindustrie weniger produzieren und bestellen weniger. Als Folge gilt bei Bosch AS seit dem 11. Oktober für die einen Montagebereich der Pkw-Lenkungen Kurzarbeit. „Bisher ist nur dieser Bereich mit circa 200 Mitarbeitern betroffen“, so eine Konzernsprecherin, die hinzufügt: „Wie lange die Kurzarbeit andauern wird, können wir heute nicht vorhersehen.“ Bisher gilt die Regelung bis Ende des Jahres, ob sie ausgeweitet werden müsse, werde regelmäßig geprüft.

Metalle schwer zu bekommen

Beispiel Aluminium: Der Preis für diesen Rohstoff hat sich zuletzt versechsfacht, wie Frank Schäffler, Geschäftsführer der Stengel GmbH in Ellwangen berichtet. Der Spezialist für Blechumformung und Blechdesign produziert nicht nur Nasszellen für Kreuzfahrtschiffe – hier sorgte Corona für einen Einbruch –, sondern ist auch im Hochbaubereich stark. Verarbeitet werden bei Stengel in erster Linie Stahlblech und Edelstahl. Der Preis für Metall insgesamt habe sich verzweieinhalbfacht, so Schäffler. Weil die Preise so extrem schwanken, ist es den Unternehmen der Branche fast unmöglich, realistische Festpreis-Angebote für Bauprojekte abzugeben. Wenn sie überhaupt Rohstoffe bekommen: Wer bei einem Produzenten oder Händler heute Metall bestellt, wird zunächst gefragt, wieviel er denn in den vergangenen Jahren bestellt hat. „Wenn Sie Glück haben, bekommen Sie dann 50 Prozent davon“, sagt Schäffler, der auch für die nahe Zukunft nicht mit einer schnellen Erholung rechnet. Auf Kurzarbeit verzichten die Ellwanger derzeit.

Auch die Flut hat Folgen

Der Aalener Kettenhersteller RUD spürt Versorgungsengpässe im Bereich Rohmaterial für die Fertigung von Industrie- und Reifenschutzketten. Hier fallen obendrein Lieferanten aufgrund der Hochwasserkatastrophe im Westen Deutschland aus: „Die Verteuerung betrifft neben dem Rohmaterial auch die Zukaufteile“, betont Bernd Schäffauer, Bereichsleiter Einkauf, Materialwirtschaft & Logistik bei RUD: „Vorhandene Lagerbestände sind aufgebraucht und Rahmenverträge laufen zum Ende des Kalenderjahres aus. Neuvereinbarungen für 2022 können noch nicht beziehungsweise nur zu drastisch erhöhten Preisen abgeschlossen werden. Die Belieferung aus Übersee ist nach wie vor aufgrund der Containerknappheit gestört.“ Eine Normalisierung erwartet RUD frühestens Mitte 2022, wenn die Betriebe ihre Fertigungskapazitäten der gestiegenen Nachfrage angepasst haben, plant angesichts der Lieferkettenprobleme jedoch keine Kurzarbeit.

Altpapier: Lage entspannt sich

Auch Papier ist knapp. Das bemerkt die Aalener Papierfabrik Palm. Die Nachfrage an Wellpappenverpackung, Wellpappenrohpapier und Zeitungspapier übersteige bei weitem, was man produzieren könne, so Unternehmenschef Dr. Wolfgang Palm. Die Knappheit betrifft aber auch den wichtigsten Rohstoff für die Papierfabrik: „Altpapier ist 2021 sehr knapp geworden, der Preis hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt“, sagt Palm. Erst in den vergangenen zwei bis drei Wochen habe sich in diesem Bereich eine Entspannung abgezeichnet.

Wie geht es weiter? „Laut dem jüngsten Gemeinschaftsgutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute wird die Lieferketten-Problematik bei uns zwar im kommenden Jahr schrittweise abnehmen, aber erst 2023 vollständig überwunden sein“, sagt Markus Kilian von Südwestmetall. Die Betriebe hätten noch über viele Monate mit Produktionsschwierigkeiten aufgrund von Materialmangel zu kämpfen.

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