Corona bremst AOK-Wachstum

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Zahlen, Daten und Fakten zur AOK Ostwürttemberg.
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Die größte Krankenkasse der Region zieht Bilanz: Die Zahl der Mitglieder steigt, die Kosten jedoch ebenso. Warum das nicht nur an der Pandemie liegt.

Schwäbisch Gmünd

Die Corona-Pandemie hat Spuren in der Bilanz der AOK Baden-Württemberg hinterlassen. „Trotz Corona bilanzieren wir steigende Ausgaben“, erklärt Hans-Joachim Seuferlein, Geschäftsführer der AOK in Ostwürttemberg. Trotz weniger Operationen in den Krankenhäusern und einer sinkenden Zahl von Behandlungen insgesamt sind die Ausgaben der AOK Baden-Württemberg, der größten Krankenkasse im Land, von 14,6 Milliarden Euro im Jahr 2019 auf 15,4 Milliarden Euro im vergangenen Jahr gestiegen. Pro Versicherten macht das 3389 Euro pro Jahr. Seuferlein zieht aber vor allem Bilanz für die AOK in der Region.

Der Faktor Corona. Die Zahl der bei der AOK Versicherten stieg in Ostwürttemberg zum Jahresende um 0,78 Prozent auf fast 175 000. „Wir setzen den Wachstumskurs der vergangenen Jahre fort, wenn auch wegen Corona etwas gebremster“, erklärt Seuferlein. „Viele Menschen beschäftigen sich aktuell mit anderen Dingen als dem Wechsel ihrer Krankenkasse.“ Einen Schub erwartet sich Seuferlein vom neuen Krankenkassenwahlrecht, durch das sich die Bindungsfrist von 18 auf 12 Monate verkürzt: Die Menschen können bereits nach einem Jahr als Mitglied einer Krankenkasse selbige wieder wechseln. Corona belastete ebenfalls die Betriebe in der Region, die AOK unterstützte in Ostwürttemberg 636 Unternehmen, indem sie Beiträge in Höhe von insgesamt 20,4 Millionen Euro stundete.

Krankenhäuser. Obwohl zahlreiche Operationen verschoben wurden, stiegen die Ausgaben der AOK für die Krankenhäuser in der Region 2020 um fast 7 Millionen auf 116,8 Millionen Euro, die Kliniken Ostalb mit ihren drei Standorten erhielten 68,7 Millionen Euro für die stationäre Versorgung von Patienten, das Klinikum Heidenheim 36,6 Millionen Euro, das SRH-Fachkrankenhaus in Neresheim 4,6 Millionen Euro, hinzu kommen weitere externe Häuser mit 6,9 Millionen Euro. Seuferlein führt die gestiegenen Ausgaben zum einen auf höhere Preise, zum anderen auf teurere Behandlungen wie Beatmungen für Corona-Patienten zurück. Um die Liquidität der Krankenhäuser sicherzustellen, mussten die Kassen Rechnungen innerhalb von 5 Tagen bearbeiten – zuvor waren es 28 Tage.

Zwar fordert die AOK generell, die Zahl der kleinen Kliniken im Land weiter zu reduzieren, um die Kosten für die Krankenkassen zu senken. Die Region betrifft das laut Seuferlein aber nicht. „Ostwürttemberg ist mit der derzeitigen Struktur gut aufgestellt.“ Das Fachkrankenhaus von SRH in Neresheim erfülle als Spezialklinik eine wichtige Funktion, von den übrigen sei Ellwangen mit rund 200 Betten das kleinste, aber ausreichend große Krankenhaus.

Seuferlein wünscht sich aber für die Zukunft jedoch eine engere Kooperation der Ostalb-Kliniken mit jenem in Heidenheim. Der Druck auf die Krankenhäuser werde aber wegen des Trends der sogenannten „Ambulantisierung“ in Zukunft zunehmen. Eingriffe und Behandlungen zögen immer seltener Klinikaufenthalte nach sich, die Patienten würden – wenn sie überhaupt stationär aufgenommen werden – immer schneller entlassen, erklärt Seuferlein.

Ärtzeversorgung . Im ländlichen Raum gibt es zu wenig Hausärzte. „Während zum Beispiel im schwäbischen Wald der Mangel bereits Realität ist, sieht es in anderen Teilen der Region besser aus“, sagt Seuferlein. Dass sich das Problem verschärfen werde, resultiere aus der Altersstruktur der Ärzte. Hier ist der Landkreis Heidenheim besser aufgestellt: Dort liegt der Anteil der Hausärzte, die älter als 60 Jahre sind, bei rund 31 Prozent, im Ostalbkreis haben 4 von 10 Ärzten dieses Alter bereits überschritten. „Wir unterstützen daher die Anstrengungen der Landkreise, die ambulante Versorgung zu stärken“, führt der AOK-Geschäftsführer aus. „Die Dialoge in den Raumschaften sind der richtige Weg, um Ärzte in die Region zu bekommen.“

Forderungen an die Politik. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, die Ausgaben der Pflegeversicherung ebenfalls. Bereits für das Jahr 2021 muss der Bund ein Finanzierungsloch mit rund einer Milliarde Euro Zuschuss schließen. „Die Pflegeversicherung ist leider nicht solide gegenfinanziert“, erläutert Seuferlein. Auch 2022 drohe ein Minus. „Wir fordern deshalb einen verlässlichen und dynamischen Bundeszuschuss.“

Noch größer ist die Lücke bei den Gesetzlichen Krankenversicherungen. Hier droht laut Seuferlein 2022 ein Defizit von 18 Milliarden Euro, der bis 2025 auf 25 Milliarden Euro ansteigen könne. Die Corona-Pandemie trage 3,4 Milliarden Euro zu der Lücke bei, der Rest sei auf die „kostentreibenden Gesetze der Bundesregierung“ zurückzuführen, meint Seuferlein. Die AOK fordert eine „Strukturreform, die nachhaltig nicht nur die Einnahme-, sondern auch die Ausgabenseite in den Blick nehmen soll“. Zudem mahnt Seuferlein einen „fairen Risikostrukturausgleich“ an. Der benachteilige Baden-Württemberg und sei deshalb etwa bei der AOK im Land stärker spürbar als bei der bundesweit tätigen Konkurrenz.

Die AOK ist mit einem Marktanteil von 46 Prozent mit deutlichem Abstand die größte Krankenkasse in Baden-Württemberg – so auch in der Region, allerdings weniger deutlich: in Ostwürttemberg liegt der Anteil bei 43 Prozent. Der Grund ist die jahrzehntelange Konkurrenz durch die frühere Gmünder Ersatzkasse (GEK, heute Barmer). Im Landkreis Heidenheim liegt der Marktanteil mit 47 Prozent wiederum deutlich höher.

Die Pflegeversicherung ist nicht solide gegenfinanziert.“

Hans-Joachim Seuferlein, AOK Ostwürttemberg

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