Die Arbeitswelt wird sich verändern

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Nadine Kaiser, Geschäftsführerin der WiRO. Foto Ingrid Hertfelder
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Nadine Kaiser, Geschäftsführerin der regionalen Wirtschaftsförderung, erklärt, wie dramatisch die Krise für viele Betriebe ist – und warum sich Mitarbeiter auf Wandel einstellen müssen.

Schwäbisch Gmünd

Die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft sind dramatisch. Im Interview erklärt Nadine Kaiser, Geschäftsführerin der WiRO, wie die Lage bei den Betrieben ist, welche Wege die Wirtschaftsförderungsgesellschaft geht – und warum sie sich um die Autoindustrie Sorgen macht.

Frau Kaiser, wie ist die Lage der regionalen Wirtschaft?

Nadine Kaiser: Die Lage ist ernst. Die Pandemie trifft die Firmen in einer herausfordernden Zeit. Ostwürttemberg war vor der Pandemie bereits mit den Herausforderungen des Strukturwandels konfrontiert. Die Transformation in der Autobranche und das mögliche Ende des Verbrennungsmotors oder die digitale Transformation sind Themen, die den Standort stark fordern. Der Lockdown hat dazu geführt, dass mehr als 4600 Betriebe Kurzarbeit angemeldet haben, damit sind fast 80 000 von 180 000 Beschäftigten betroffen. Unsere große Sorge ist – und das zeichnet sich an vielen Stellen ab – dass die Brücke der Kurzarbeit nicht jeden Arbeitsplatz retten wird. Aber es gibt Erfolgsgeschichten in Industrie und Handwerk sowie Unternehmens-Leuchttürme, die wachsen oder die Krise nutzen, um ihr Leistungsportfolio anzupassen. Die Situation ist sehr heterogen.

Verändert die Pandemie und deren Auswirkungen die Funktion der WiRO in der Region?

Zu Beginn der Pandemie waren wir mit anderen Wirtschaftsakteuren Erstberatungsstelle und Kontaktlotse für die Hilfsangebote von Bund und Land –manchmal auch Sorgentelefon. Branchen- und Netzwerkveranstaltungen gab es nicht in gewohnter Form. Aber der persönliche Austausch ist nicht abgebrochen und wurde von uns noch verstärkt. Per Videokonferenz haben wir uns etwa mit den Wirtschaftsförderern oder mit anderen Regionen häufiger als sonst besprochen. Dass der persönliche Austausch in einer Krise noch mehr an Bedeutung gewinnt, war schnell klar. Netzwerkarbeit geht auch im digitalen Raum.

Das neuste WiRO-Projekt ist das Welcome Center. Was steckt dahinter?

Die demografischen und technischen Entwicklungen verändern Märkte, Firmen und Gesellschaft. Die Pandemie hat zwar zu Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt geführt und die Einreise von Fachkräften aus dem Ausland erschwert. Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften ist jedoch in vielen Branchen weiterhin sehr groß. Mit dem Welcome Center wollen wir gezielt internationale Fachkräfte gewinnen und über die Attraktivität unseres Lebens- und Arbeitsraums Ostwürttemberg informieren.

Die Kurzarbeit wird nicht jeden Arbeitsplatz retten können.

Nadine Kaiser Geschäftsführerin WiRO

Sind in Krisenzeiten wie diesen Projekte, die sich dem Fachkräftemangel widmen, notwendig? Immerhin baut die Autoindustrie viele Stellen in der Region ab…

Um die klassische Automobilbranche machen wir uns tatsächlich Sorgen, denn die Transformation trifft unsere Region stark und nicht jeder Arbeitsplatz wird bestehen bleiben. Wir setzen auf Projekte im Bereich Fachkräftesicherung, denn es wird eine Zeit nach der Krise geben und dann benötigen wir wertvolles Know-how. Es werden neue Berufsfelder entstehen, die qualifizierte Fachkräfte erfordern. Zudem wird es weiterhin Mangelberufe geben, wie zum Beispiel in der Gesundheits-, Pflege- oder Baubranche sowie im Bereich IT. Wir appellieren an die Firmen, bei der Sicherung und Qualifizierung ihrer Mitarbeiter nicht nachzulassen und die Phase der Kurzarbeit für Qualifizierung zu nutzen. Auch die Mitarbeiter selbst müssen sich für Weiterbildung noch mehr öffnen, da sich die Arbeitswelt verändern wird.

Die Autoindustrie ist wichtiger Arbeitgeber. Wie lässt sich der Strukturwandel in der Region bewältigen?

Mit unseren Aktivitäten sensibilisieren wir die Firmen für Trends und neue Geschäftsmodelle. Wir bieten Plattformen, auf denen sich die Unternehmen über Wege und Möglichkeiten informieren und voneinander lernen können. Einige Firmen haben sich erfolgreich diversifiziert und ihre Abhängigkeit von der Autobranche verringert, indem sie verstärkt Produkte für die Medizinbranche herstellen. Da unsere regionale Wirtschaft auch frühere Krisen gemeistert hat, sind wir guter Hoffnung, dass ein Großteil der Firmen den Strukturwandel meistern wird und neue Geschäftsmodelle erschließt. Wir denken, dass neue Zukunftsfelder wie Umwelt, Klima und erneuerbare Energien neue Geschäftsfelder ermöglichen. Klar ist, dass sich auch die Arbeitsplätze verändern werden und Mitarbeiter diesen Wandel mitgehen und sich qualifizieren müssen.

Ostalb-Landrat Dr. Joachim Bläse ist neuer Aufsichtsratschef der WiRO. Er wechselt sich neuerdings mit seinem Heidenheimer Pendant Peter Polta alle zwei Jahre ab. Was sind die Hintergründe?

Wir als WiRO legen bei allen Aktivitäten viel Wert auf ein Gleichgewicht zwischen den beiden Gesellschaftern und Landkreisen Heidenheim und Ostalbkreis. Bei Plattformen auf Landesebene ist die Region als erster Ansprechpartner gefragt und wir vertreten gesamtregionale Interessen. Es war absehbar und ist nachvollziehbar, dass der Aufsichtsratsvorsitz einmal wechseln wird. Dass sich die beiden Landräte partnerschaftlich für eine noch engere Zusammenarbeit auf regionaler Ebene verständigt haben, ist ein sehr gutes Zeichen für die regionale Wirtschaftsförderung.

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