Die digitale Fabrik der Zukunft

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Die offizielle Eröffnung des DigiZ in der Gmünder Wissenswerkstatt wurde auch über das Internet gestreamt.
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Das Gmünder DigiZ ist offiziell eröffnet: mit einem flammenden Appell. Wie hier auch kleinere Betriebe die Vorteile einer digitalen Fertigung kennenlernen können.

Schwäbisch Gmünd

Raus aus dem Corona-Kokon, rein in die Zukunft. Das war die Botschaft der offiziellen Eröffnung des Digitalisierungszentrums (DigiZ) am Mittwoch in der Wissenswerkstatt Eule in Schwäbisch Gmünd. Dort sollen kleine und mittelständische Firmen die Möglichkeit haben, sich zum Megathema Digitalisierung zu informieren – und an den neusten technologischen Entwicklungen teilzuhaben. „Hier finden kleine und mittlere Unternehmen den Grundstock für die Fabrik der Zukunft“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler. Und dass diese Zukunftsorientierung bitter nötig ist, machen nicht nur Gmünds OB Richard Arnold und Ostalb-Landrat Dr. Joachim Bläse deutlich – auch die geladenen renommierten Experten sagen unisono: Die digitale Revolution hat schon längst begonnen.

„Die Digitalwoche der IHK kommt zur rechten Zeit“, führt OB Arnold aus und fordert: „Wir dürfen nicht bräsig und altbacken auf den Wandel warten, sondern müssen ihn aktiv angehen. Wir müssen raus aus dem Corona-Kokon und die großen Themen und auf den Transformationswandel reagieren.“ Die Wirtschaft brauche nun einen Befreiungsschlag. Bläse erklärt: „Wir wollen unseren Wohlstand erhalten, dafür brauchen wir gute Betriebe und gute Arbeitsplätze.“ Die Voraussetzung dafür seien Innovationen und Unternehmen, die sich auf die Herausforderungen einlassen. Es sei wichtig, dass viele Betriebe sich am DigiZ beteiligen. Hier könnten sie erleben, was Digitalisierung für jedes Unternehmen bedeuten kann. „Wir müssen diese Veränderungen erlebbar machen.“

Wie grundlegend die Digitalisierung Wirtschaft und die Unternehmen selbst verändert und verändern wird, macht der Vortrag von Prof. Dr. Thomas Bauernhansel von der Uni Stuttgart deutlich. „Wir brauchen diesen Dreiklang aus Forschung, Entwicklung und Wertschöpfung, um den Wohlstand zu sichern.“ Bauernhansel forscht und arbeitet an der Fabrik der Zukunft, die ein Umdenken vieler Unternehmen erfordert. „Jedes Unternehmen ist ein Prozesshaus und diese Prozesse können mit Digitalisierung und Automatisierung effizient und effektiv gestaltet werden.“ Dies beschleunige die Produktion und senke die Kosten. Eine der vielen Herausforderungen bei der Umsetzung ist indes die Systemvielfalt in vielen Unternehmen. „Diese monolithischen Systeme müssen in eine neue IT-Architektur überführt werden.“

Doch wie funktioniert das in einem Betrieb? Zunächst, so Bauernhansel, gehe es darum, die Prozesse im Unternehmen aufzunehmen und zu analysieren, danach müssten die Brücken zwischen den Teil-Systemen geschlagen werden. Der dritte Schritt ist die Flexibilisierung der gesamten Fertigungsstruktur. „Das Fließband-Prinzip funktioniert nicht mehr“, so der Professor, der auch das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) leitet. Es bedürfe neuer Ansätze wie der Matrix-Produktion. Diese bricht Prozesse auf und teilt die Fertigung in verschiedene Produktionsmodule auf, jedes Produkt geht dann einen unterschiedlichen Weg durch die Fabrik. Die Matrix-Produktion sei bereits in der Autoindustrie im Einsatz, so Bauernhansel. Noch weiter geht die fluide Produktion, bei der die einzelnen Produktionsmodule je nach Auftrag angepasst werden.

Bauernhansels Vision indes ist noch weitergedacht: „Die Fabrik der Zukunft ist ein intelligenter Raum, in dem sich die Produktionsmodule frei bewegen und auftragsorientiert zusammenarbeiten.“ Elementar sei hierfür eine intelligente Infrastruktur wie zum Beispiel ein „denkender Boden“, der Energie und Signale übertragen kann. Ein weiteres Ziel ist die Automatisierung der Automatisierung, Maschinen können dann etwa von Menschen lernen, indem sie deren Bewegungen imitieren (etwa um ein Werkstück richtig einzusetzen).

Die menschenlose Produktion ist nur noch eine Frage der Zeit, werden wir alle arbeitslos? Nein, betont Bauernhansel, denn: „Wir gefährden damit keine Arbeitsplätze, sondern retten die Wertschöpfung.“ Schon heute könne Deutschlands Wirtschaft rund 30 Prozent der Arbeitsplätze wegen des Fachkräftemangels nicht besetzen, in der Zukunft wird sich das Problem wegen des demografischen Wandels noch verschärfen. „Wir brauchen deshalb Robotik und Automatisierung.“

Das hat auch der Zeiss-Konzern erkannt. Vor sechs Jahren gab das Unternehmen das Ziel aus, die Digitalisierung nochmals deutlich zu forcieren. Einer der Hauptakteure in diesem Prozess ist Jochen Scheurer, bei Zeiss Head of Connected Smart Factory. Die schlaue Fabrik ist indes ein Prozess, bei dem man auch die Mitarbeitenden mitnehmen muss, betont Scheurer. Die Botschaft lautet: „Wir werden nur erfolgreich sein, wenn wir dynamisch bleiben.“

Wie das DigiZ den Firmen in der Region helfen kann, digitaler zu werden, demonstriert Jürgen Widmann, Geschäftsführer der Durlanger EVO mit einer Demonstration der Smart Factory in der Wissenswerkstatt. Ein intelligenter, vernetzter Werkzeugschrank, der eigenständig zur Neige gehende Komponenten nachbestellt und eine 2014 gebaute Maschine, die nun um jedes denkbare digitale Assistenzsystem ergänzt wurde und nun die menschlose Produktion ganz real zeigen kann, sind nur zwei eindrucksvolle Beispiele, wie Digitalisierung im DigiZ erlebbar ist.

Wir gefährden damit keine Arbeitsplätze, sondern retten die Wertschöpfung.“

Prof. Dr . Thomas Bauernhansel, Universität Stuttgart
Jochen Scheurer von Zeiss
Tobias Nagel (links) von der Wissenswerkstatt Eule und Jürgen Widmann, EVO-Geschäftsführer, erklären die Smart Factory.
IHK-Hauptgeschäfsführer Thilo Rentschler.
Gmünds OB Richard Arnold.
Ostalb-Landrat Dr. Joachim Bläse.

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