Die Grenzen des Home-Office

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Die Regierung verpflichtet die Firmen zu mehr Home-Office. Doch ganz so trivial ist die Umsetzung des "mobilen Arbeitens" in vielen Betrieben nicht – auch wenn viele darauf setzen.

Aalen/Schwäbisch Gmünd

Aus Stuttgart kamen nach dem jüngsten Corona-Krisengipfel der Bundesregierung skeptische Töne. Es sei wichtig, zur Eindämmung der Pandemie mehr Arbeit im Homeoffice zu ermöglichen, erklärte Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut. "Allerdings wird mit der beschlossenen Ermöglichungspflicht nun – anstatt auf Freiwilligkeit und Eigenverantwortung – auf Regulierung und Bürokratie gesetzt", so die Politikerin. Für viele Firmen sei es eine große Herausforderung. In der Region setzen viele Betriebe auf das mobile Arbeiten. Dieses hat aber seine Grenzen.

Bei Bosch Automotive Steering in Schwäbisch Gmünd hat sich die Zahl der mobilen Arbeiter weiter erhöht. Das mobile Arbeiten gehöre bereits seit vielen Jahren zum Berufsalltag, so Sprecherin Julia Naidu. "Unsere langjährigen Erfahrungen kommen uns in der aktuellen Situation sowohl kulturell als auch bei der technischen Umsetzung zugute", sagt sie. Seit Ausbruch der Pandemie habe man ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Flexibilität bewiesen. "Wir nutzen mobiles Arbeiten, wo möglich." Bosch habe die Mitarbeiter bereits im November dazu aufgerufen, wo es möglich und sinnvoll ist, den Arbeitsplatz vorübergehend nach Hause zu verlegen. "Ein großer Teil unserer Beschäftigten in Gmünd geht Tätigkeiten nach, die sich von zu Hause aus erledigen lassen – die große Mehrheit hat diese Möglichkeit bisher schon wahrgenommen."

Beim Optikkonzern Zeiss ist das mobile Arbeiten bereits weit verbreitet. "Dort, wo mobiles Arbeiten möglich ist, kann es im Grundsatz angewendet werden", sagt Zeiss-Sprecher Jörg Nitschke. "Wir haben die positive Erfahrung gemacht, dass es gut ist, eine grundsätzliche Linie einzuführen, die man in einer Sondersituation bereichs- und regionalspezifisch flexibel handhaben kann." In der aktuellen Phase der Pandemie nutze man das Home-Office in höherem Maße als vor einem Jahr. "Im Durchschnitt ist die Anwesenheitsquote in den Bereichen, in denen mobiles Arbeiten möglich ist, derzeit im unteren zweistelligen Prozentbereich."

Home-Office und mobiles Arbeiten haben jedoch Grenzen, wenn es um die Produktion geht. Ein großer Teil der Varta-Beschäftigten arbeitet laut des Konzernsprechers Dr. Christian Kucznierz in der Fertigung, wo kein Home-Office möglich ist. "In Bürosituationen, in denen es nicht möglich ist, die Sicherheitsabstände einzuhalten, setzen wir auf mobile Lösungen." Der Anteil der Mitarbeitenden, die von zuhause arbeiten, sei gleich geblieben im Vergleich zur ersten Corona-Welle. "Als internationales Unternehmen ist dezentrales und digitales Arbeiten für uns aber schon lange geübte und bewährte Praxis", erklärt der Sprecher.

Wir nutzen mobiles Arbeiten, wo möglich.

Julia Naidu Sprecherin Bosch AS

Der Präzisionswerkzeughersteller Mapal hat das Home-Office-Angebot vergrößert, so Mapal-Sprecher Andreas Enzenbach. "Derzeit sind wechselweise 50 bis 60 Prozent der Mitarbeiter der indirekten Bereiche im Home-Office." Laut Enzenbach habe man zunächst die nötige Infrastruktur, vor allem im IT-Bereich, schaffen müssen, um Arbeiten von zu Hause in diesem Umfang zu bewältigen. "Deshalb werden wir die Möglichkeiten des Home-Office im maximalen Umfang ermöglichen, sofern es die betrieblichen Abläufe zulassen." In der Produktion setzt Mapal wie die anderen Firmen ebenfalls auf Hygienekonzepte.

Die beiden größten Banken im Kreis haben das mobile Arbeiten ausgeweitet, jedoch gibt es hier schlicht praktische, datenschutzrechtliche und regulatorische Grenzen. Bei der VR-Bank Ostalb kann ein Viertel der Belegschaft von unterwegs arbeiten, wie Sprecherin Verena Mischo erklärt. Jedoch: "Für uns als Dienstleistungsunternehmen sind umfassende Home-Office-Lösungen nicht möglich, Kundenkontakte sind unsere Geschäftsgrundlage." So seien Beratungen im Kundengeschäft vom privaten Arbeitszimmer oder Küchentisch nicht praktikabel. Zwar biete man Video- und Telefonberatung an, allerdings setzen viele Kunden weiter auf das persönliche Gespräch. Weiter ist bei vielen Abschlüssen eine Unterschrift erforderlich. In den internen Bereichen, wie der Kreditabteilung, gebe es ebenfalls Grenzen. "Auch wenn wir hier mitten in einem Digitalisierungsprojekt unserer Prozesse und Kreditakten stecken, ist hier der Papieranteil immer noch groß." Etwa, weil Kredit- und Sicherheitenverträge mit umfangreichen Anlagen nach wie vor die Schriftform erfordern. Man setze daher auf Hygienekonzepte für Mitarbeiter und Kunden.

Bei der Kreissparkasse liegt der Home-Office-Anteil bei rund zehn Prozent. "Damit sind wir schon nahe an der Obergrenze dessen, was ohne Auswirkungen auf oder Einschränkungen der systemrelevanten, betrieblichen Abläufe möglich ist", erklärt Sprecher Holger Kreuttner. "Wir Banken und Sparkassen sind systemrelevant und nehmen diese Verpflichtung und Verantwortung unseren Kunden gegenüber auch sehr ernst." Bis auf zwei Filialen sind alle Niederlassungen geöffnet – persönliche Präsenz ist hier laut Kreuttner wesentliche Grundvoraussetzung. Wie die VR-Bank Ostalb setzt die Sparkasse auf ein Hygienekonzept. Den Home-Office-Anteil hat das Institut ausgeweitet und die rein technischen Möglichkeiten geschaffen, jedoch sei eine weitere Ausweitung "bei Finanzdienstleistungen und insbesondere Filialbanken naturgemäß nur in gewissen Grenzen machbar".

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