Die Unsicherheit ist sehr groß

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Holger Leichtle rettete den VfR Aalen und verkaufte die insolvente SAM aus Steinheim an einen Investor.
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Insolvenzverwalter Dr. Holger Leichtle über das Ausmaß der Coronakrise, die Finanzhilfen von Bund und Land und eine drohende Pleitewelle.

Aalen

Er hat den VfR Aalen aus der Insolvenz gerettet und ist einer der bekanntesten Insolvenzverwalter in Baden-Württemberg: Im Interview erklärt Dr. Holger Leichtle von der Kanzlei Schultze & Braun, warum die Entscheidung, die Insolvenzmeldepflicht auszusetzen, richtig war, was Unternehmen in diesen Zeiten besonders beachten müssen und was er Firmen in Not rät.

Die Corona-Pandemie schlägt voll auf die Wirtschaft durch. Bund und Länder haben Milliardenhilfen für die Unternehmen in Aussicht gestellt. Ist eine Pleitewelle dadurch überhaupt zu verhindern?

Dr. Holger Leichtle: Ich denke, kurzfristig sollte das schon der Fall sein. Voraussetzung ist allerdings, dass die Hilfszahlungen - wie von der Politik angekündigt - schnell und unbürokratisch fließen und dass das Kurzarbeitergeld schnell genehmigt und ausgezahlt wird. Wie sich die Hilfen mittelfristig auswirken, kann man derzeit kaum vorhersehen. Allerdings wird ein großer Teil dieser Staatshilfen in Form von Krediten gewährt. Die müssen irgendwann aber zurückgezahlt werden. Unternehmen, die schon vor der Krise nur eine kleine Gewinnspanne hatten, wird das natürlich sehr belasten. Außerdem werden die Unternehmen sehr genau überlegen müssen, ob ihre Strategie auch langfristig noch trägt. Die Welt nach Corona wird eine andere sein.

Der Gesetzgeber hat die Insolvenzmeldepflicht vorerst ausgesetzt. Ist das überhaupt eine gute Idee?

Ja, absolut. Wenn Sie sich anschauen, dass viele Unternehmen rapide Rückgänge bei ihren Umsätzen haben, gleichzeitig die Fixkosten aber unverändert weiterlaufen, können Sie sich ausmalen, dass früher oder später jedes noch so gesunde Unternehmen Insolvenz anmelden müsste. Würde man die gesetzlich definierte Pflicht, dass man innerhalb von drei Wochen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit einen Insolvenzantrag stellen muss, jetzt nicht aussetzen, würde das in meinen Augen zu einer unkontrollierbaren Insolvenzwelle führen und zahlreiche Unternehmen regelrecht vernichten. Auch solche, die vor der Krise ein stabiles und zukunftsfähiges Geschäftsmodell hatten. Allerdings muss man auch sagen, dass es schon vor der Corona-Krise Unternehmen gab, die Probleme hatten und gewackelt haben. Das viele Geld, das die Regierungen jetzt in die Wirtschaft pumpen, darf nicht dazu führen, dass Unternehmen künstlich am Markt gehalten werden, die sonst längst vom Markt verschwunden wären. Deshalb gibt es ja Staatshilfen auch nur, wenn die Corona-Krise die Ursache für die wirtschaftliche Schieflage des Unternehmens ist.

Was müssen Unternehmen in diesen Zeiten besonders zu beachten?

Allererstes Ziel sollte es sein, das Unternehmen stabil und liquide zu halten. Sie sollten sehr schnell Anträge auf staatliche Hilfszahlungen oder Kredite stellen, Kurzarbeitergeld beantragen und bei Kommunen, Sozialkassen und Finanzämtern um die Stundung von Steuern und Sozialabgaben bitten. Außerdem sollten sie dringend dokumentieren, dass sie erst durch die Corona-Krise in einen Liquiditätsengpass geraten sind. Das ist wichtig, um überhaupt staatliche Hilfen in Anspruch nehmen zu können.

Die Welt wird nach Corona eine andere sein.

Dr. Holger Leichtle Kanzlei Schultze & Braun

Gibt es bestimmte Branchen, die besonders gefährdet sind?

Die Auswirkungen der Corona-Krise sind so umfassend, dass grundsätzlich jede Branche betroffen ist. Da gibt es nur wenige Ausnahmen, wie beispielsweise Onlinehändler oder Supermärkte. Ganz besonders leiden natürlich alle Betriebe, deren Schließung von Behördenseite angeordnet wurde. Das sind die Hotels und Gaststätten, kleine Dienstleister für Endkunden wie Friseure oder Massagesalons. Oder Einzelhändler im Non-Food-Bereich bis hin zu den großen Modeketten. Sie alle haben quasi von jetzt auf gleich einen großen Anteil ihres Umsatzes verloren, vielleicht sogar den gesamten Umsatz.

Merken Sie bereits einen Anstieg Beratungsanfragen von in Not geratenen Firmen oder Banken, die um Ihren Rat fragen?

Definitiv. Die Unsicherheit ist insgesamt sehr groß und damit natürlich auch der Beratungsbedarf. Wir haben bei Schultze & Braun eigens für diese Krise mit dem Business Doctor ein neues Beratungsprodukt geschaffen, um den Bedarf abdecken zu können.

Wie bereitet sich ein Insolvenz-Spezialist wie Sie auf die kommenden Monate vor?

Wir Insolvenzverwalter sind Krisen ja gewohnt. Auch wenn wir selten mit Krisen eines solchen Ausmaßes konfrontiert sind. Aber auch hier gilt: Kühlen Kopf bewahren und den Überblick behalten. Ich versuche mich immer über die aktuellen Entwicklungen, Hilfsmöglichkeiten und die gesetzlichen Regelungen informiert zu halten. Das sind dann schließlich die Werkzeuge, die ich bei der Insolvenz eines Unternehmens anwenden muss, um es retten zu können. Mit den Kollegen diskutiere ich außerdem, wie die aktuellen Probleme anzugehen sind, um aus dem Austausch und den verschiedenen Ansichten zu lernen und neue Ideen zu bekommen. Und natürlich das Entscheidende in diesen Tagen: Gesund bleiben!

Ihre Arbeit als Insolvenzberater beginnt, wenn das Unternehmen bereits am Boden liegt. Was raten Sie Firmen, die durch Corona in eine existenzielle Krise geraten?

Ganz wichtig: Schnell handeln! Auch wichtig: Sich beraten lassen! Und am wichtigsten: Zuversichtlich bleiben!

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