„Es droht die Deindustrialisierung“

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Von links: Dr. Timo Bernthaler, Dr. Christof Metzmacher, Kevin Fuchs, Dr. Michael Fried, Prof. Dr. Harald Riegel, Henri Beranek, Markus Kilian.
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Beim Jahresausklang schlägt Vorsitzender Michael Fried Alarm, der Wirtschaft drohe eine Abwärtsspirale – Südwestmetallpreis geht an Hochschulabsolvent Kevin Fuchs.

Aalen

Besinnlich ist die Stimmung bei den Metall- und Elektrofirmen in der Region trotz Weihnachten nicht. Im Gegenteil: „Die zahlreichen Krisen – Krieg, Energie und Inflation – treffen die Firmen besonders hart“, sagte Michael Fried, Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe Ostwürttemberg. Beim traditionellen Jahresausklang des Verbands ging es jedoch nicht nur um die wirtschaftliche Lage, auch der regionale Südwestmetallpreis für die beste Abschlussarbeit eines Hochschulabsolventen in diesem Jahr wurde verliehen. Gewinner ist Kevin Fuchs, der für seine Bachelorarbeit zur „Untersuchung zur Stabilität von Titanwerkstoffen in wasserstoffhaltigen Atmosphären“ den Preis erhielt.

In Feierlaune sind die Südwestmetallbetriebe nicht. Die Lage bei vielen Betrieben sei angesichts der multiplen Krisen dramatisch, sagt Verbandsvorsitzender Fried. So würden die explodierenden Preise für Strom und Gas die Firmen stark belasten. „Eine zunehmende Zahl an Unternehmen muss inzwischen ihre Produktion bei gas- und stromintensiven Prozessen drosseln oder sogar einstellen.“ Mehr noch: Einige Firmen hätten von ihrem Energieversorger nur Verträge zu völlig überzogenen Preisen oder erst gar kein Angebot erhalten. Produktionsunterbrechungen könnten zu weiteren Problemen in den Lieferketten, die ohnehin durch Materialmangel belastet seien, führen. „Es droht ein Dominoeffekt und damit eine Abwärtsspirale der gesamten Wirtschaft“, sagt Fried. Zudem gehe die internationale Schere der Energiepreise, insbesondere im Vergleich zu den USA, weiter auseinander. Darunter leide die Wettbewerbsfähigkeit. „Selbst Familienunternehmen, die bislang immer treu zum Standort gestanden haben, denken über Produktionsverlagerungen nach“, so Fried.

Südwestmetall begrüße in diesem Zusammenhang, dass die Bundesregierung für Kostenerleichterungen bei Gas und Strom sorgen wolle. „Leider ist das ursprüngliche Konzept für die Gas- und Strompreisbremsen durch das europäische Beihilferecht stark verwässert worden. Die maximale Fördergrenze ist viel zu niedrig angesetzt worden und soll nur Firmen gewährt werden, deren operativer Gewinn um mindestens 40 Prozent zurückgeht.“ So werde es zu keiner durchgreifenden Entlastung der Unternehmen kommen. Die Bundesregierung müsse hier dringend die beihilferechtlichen Anforderungen mit der EU-Kommission nachverhandeln, fordert Fried. Falls nicht, drohten drastische Folgen. „Wir riskieren eine Deindustrialisierung unseres Lands.“

Statt die Firmen zu entlasten, mache es die Politik den Firmen schwer. So würden zum Jahreswechsel durch die gestiegenen Abgaben zur Arbeitslosen- und Krankenversicherung die Lohnzusatzkosten auf mehr als 40 Prozent steigen. „Das kommt zur Unzeit“, betont Fried. Dasselbe gelte für die Lieferkettenregulierung der EU, die über das deutsche Gesetz hinausgehe und Firmen ab 250 Beschäftigten erhebliche Zusatzbelastung beschere. Er fordert deshalb ein „Gesamtbelastungsmoratorium der Firmen auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene. „Die Politik muss begreifen: Nur mit wettbewerbsfähigen Firmen lassen sich Arbeitsplätze sichern, Sozialsysteme finanzieren und der Klimawandel gestalten.“

Zum 20. Mal hat der Arbeitgeberverband den Südwestmetallpreis vergeben – zum 1. Mal im Rahmen des Jahresausklangs. Diesjähriger Preisträger ist Kevin Fuchs, der für seine Bachelorarbeit zur „Untersuchung zur Stabilität von Titanwerkstoffen in wasserstoffhaltigen Atmosphären“ den mit 3000 Euro dotierten Preis erhält. Südwestmetall würdigt mit dem Preis hervorragende wissenschaftliche Leistungen mit hohem praktischem Nutzen für die Industrie. Fuchs stellte seine Arbeit und die dahinterliegende Methodik vor. Die Arbeit wurde mit einer 1,0 bewertet, der Absolvent will weiter an Oberflächentechnologien forschen und sattelt deshalb bei Prof. Dr. Timo Bernthaler an der Hochschule Aalen seinen Master auf. Hochschulrektor Prof. Dr. Harald Riegel dankte Südwestmetall für den Preis und das Engagement und verwies auf die besondere Bedeutung, die eine forschungsstarke Hochschule für die regionale Wirtschaft habe. „Wir forschen an Themen, die die Industrie morgen bewegt“, sagt er und nennt beispielhaft die Forschungsthemen Nachhaltigkeit, Digitalisierung und künstliche Intelligenz.

Einen Impuls der besonderen Art gab Henri Beranek von der Carbonauten GmbH aus Giengen. Das Unternehmen hat Verfahren entwickelt, mit dem aus holzigen Resten von Biomasse der Forst- und Landwirtschaft, Lebensmittel-, Papier und Holzindustrie Biokohlenstoffe erzeugt werden, die ihrerseits wertvolle, vielseitige Rohstoffe sind. Sie binden CO2 und können vielfältig genutzt werden, etwa als Düngemittel, Kunststoffersatz oder Baumaterial. Nach zähem Start beschäftigt das Unternehmen inzwischen 50 Menschen. Die Anlagen haben Serienreife und erzeugen bei dem Prozess der pyrolytischen Karbonisierung Erneuerbar Energie in Form von Wärme oder Strom. Der Energieeinsatz, um diesen Prozess in Gang zu setzen, ist laut Beranek überschaubar. Die Nachfrage nach den Modulen ist inzwischen so groß, dass die Carbonauten ab Januar im Dreischichtbetrieb arbeiten – und in der Region nach einem neuen, größeren Standort Ausschau halten.  

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