„Es gilt, die Weichen für die Zukunft zu stellen“

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Der Blick auf Herbrechtingens Gewerbegebiet.
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Daniel Vogt, Bürgermeister von Herbrechtingen, erklärt die Pläne hinter dem Stadtentwicklungskonzept Herbrechtingen 2035, die große Nachfrage nach Flächen für Wohnen und Gewerbe und die Herausforderung des Breitbandausbaus für seine Kommune.

Herbrechtingen

Seit knapp drei Jahren ist Daniel Vogt Bürgermeister der Stadt Herbrechtingen. Im großen Interview mit Wirtschaft Regional spricht er über die großen Herausforderungen und Ziele der Kommune, das Stadtentwicklungskonzept Herbrechtingen 2035, Neuansiedlungen und die Ziele seiner ersten Amtszeit.

Sie sind nun seit fast 3 Jahren Bürgermeister von Herbrechtingen. Welche Zwischenbilanz ziehen Sie?

Daniel Vogt: Es waren drei Jahre, die ich mir – ebenso wie wir alle in unserer Gesellschaft – so nicht vorgestellt haben. Sowohl die Coronakrise als auch der aktuell in der Ukraine herrschende Krieg binden Zeit, Gedanken und kosten Kraft. Nichtsdestotrotz bin ich zuversichtlich, da ich mich über eine starke Stadtgemeinschaft freue, aktive Vereine, breit aufgestellte Dienstleister, Handwerker und Gewerbetreibende und in Summe glücklich darüber bin, wie die Menschen ihre Ärmel hochkrempeln, um uns als Gesellschaft voran zu bringen. In der zurückliegenden Zeit haben wir bei wichtigen Themen Grundlagen erarbeitet, auf die wir das weitere Vorgehen stützen können. Wir haben all unsere Kinderbetreuungseinrichtungen sowohl räumlich als auch baulich untersucht und werden darauf aufbauend Sanierungen, Erweiterungen und auch einen Neubau in unserer Finanzplanung verankern können. Wir konnten bereits eine Naturkindergartengruppe neu schaffen, Horte an Schulen erweitern und auch die Schullandschaft genau unter die Lupe nehmen. Bei Letztgenanntem hat sich der Rat just vor wenigen Wochen einstimmig für eine umfassende Modernisierung und einen zukunftsträchtigen Ausbau unseres Bibrisschulzentrums zu einem hochmodernen Campus mit besten Bedingungen für alle Schülerinnen und Schüler verständigt.

Sie haben ein Stadtentwicklungskonzept Herbrechtingen 2035 auf den Weg gebracht. Was sind die Hintergründe?

Ich freue mich sehr über die aktuelle Bürgerbeteiligung in diesem Projekt. Im Zusammenhang mit dem Wechsel meines Vorgängers in den Ruhestand und meinem Amtsantritt galt es, die Weichen für die künftige Entwicklung neu zu stellen und Schwerpunkte festzulegen. Insbesondere die jüngste Vergangenheit hat in unserer Gesellschaft, und ich meine in Herbrechtingen in besonderem Maße, den Wunsch nach einer möglichst klaren Orientierung hervorgebracht. Im Rahmen der Stadtentwicklung werden gemeinsam mit der Bürgerschaft wichtige Themenfelder beleuchtet, die weit über die reine städtebauliche Entwicklung hinausgehen und Bedarfe mit Potenzialen verbindet. Diese sind etwa die demografische Entwicklung, Ökologie und Klimaschutz, die Siedlungsentwicklung für Wohnen und Gewerbe, soziale Infrastruktur, Wohnen, Gewerbe, Landwirtschaft und Einzelhandel. Im Zusammenhang mit der Erhaltung und zukunftsfähigen Gestaltung unserer Infrastruktur stehen große Aufgaben vor uns. Aufgaben die Finanzmittel in bisher nicht gekanntem Ausmaß binden und auch Durchhaltevermögen fordern werden. In unserer Mitte befinden sich viele interessierte Mitmenschen und kluge Köpfe. Deren Sachverstand, Ideen und Vorstellungen wollen Stadtverwaltung und Gemeinderat gleichermaßen erfahren und bestmöglich einbinden. Mit diesem Wissen können wir ein gemeinsam erarbeitetes und – wenn man so will – basisdemokratisch abgestimmtes Handlungskonzept erstellen, welches als Leitfaden bis ins Jahr 2035 eine wichtige Grundlage unserer Überlegungen und Entscheidungen bilden wird. Unterm Strich ist es unser Ziel, die Stadt und Ihre Ortsteile im Sinne unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger weiter zu entwickeln, denn diese machen die Stadt aus.

Welche Baustellen haben Sie als die drängendsten identifiziert?

Eine Großbaustelle war quasi zeitgleich mit meinem Amtsantritt abgeschlossen: die Fertigstellung der Bibrishalle. Diese Kultur- und Sporthalle, bietet auf mehr als 5000 Quadratmetern vielseitige Möglichkeiten und sucht seinesgleichen. Das größte Projekt, welches mich seit meiner Zeit in Herbrechtingen beschäftigt, ist einen gangbaren Weg zur Sanierung und Modernisierung des Bibrisschulzentrums zu finden, welches neben der Grundschule die weiterführenden Angebote Gemeinschaftsschule und Gymnasium umfassen. Daneben spielt die Fortentwicklung des Flächennutzungsplans eine wichtige Rolle, das heißt, wir befassen uns mit der Thematik Wohnraum und Flächen für Gewerbe.

Herbrechtingen ist mit mehr als 3000 Arbeitsplätzen ein bedeutender Wirtschaftsstandort in der Region. Wie ist die Lage aktuell bei den Firmen?

Mit Blick auf die Coronakrise liegen uns als Stadtverwaltung glücklicherweise keine Erkenntnisse vor, wonach ortsansässige Firmen seither im größeren Stil hart getroffen worden sind. Gewiss haben Gastronomie, Kleingewerbe und die örtlichen Einzelhändler unterschiedlich stark unter den Auflagen gelitten, wir hoffen sehr, dass diese sich schnell erholen werden. Welche Auswirkungen der durch Russland ausgelöste Krieg gegen die Ukraine und die daraufhin getroffenen und zu treffenden Sanktionen auf unsere Unternehmen haben wird, kann nicht abgeschätzt werden.

Die Nachfrage nach Flächen für das noch recht junge Gewerbegebiet GIP A7 in der Nachbarkommune Giengen ist recht groß. Wie ist die Lage in Herbrechtingen? Ist die Ausweisung neuer Gewerbeflächen geplant?

Aktuell verfügen wir über insgesamt rund fünf Hektar Gewerbefläche im gemeinsamen interkommunalen Industriepark Giengen-Herbrechtingen A7, wobei Teile dieser Flächen bereits mit Kaufoptionen versehen sind. Für die weitere Entwicklung von Gewerbeflächen in Herbrechtingen ist eine Fortschreibung des Flächennutzungsplans notwendig, übrigens auch für die weitere Entwicklung von Flächen zur Schaffung von Wohnraum außerhalb des Innenbereichs.

Wie hat sich das interkommunale Gewerbegebiet Giengen-Herbrechtingen in der Vergangenheit entwickelt?

Kurzum: sehr gut. Nach einer anfangs verhaltenen Entwicklung konnte in den vergangenen Jahren ein sehr großes Interesse vernommen werden. Bislang konnte das Ansiedlungsinteresse weitgehend befriedigt werden. In Summe sind im gemeinsamen Gewerbegebiet der Städte Giengen und Herbrechtingen bislang rund 350 Arbeitsplätze neu entstanden.

Gab es zuletzt Neuansiedlungen oder Investitionen von Unternehmen in Herbrechtingen oder stehen welche an?

Seit unserem letzten Standortreport hat sich das ortsansässige Traditionsunternehmen Esband Schlatterer im Gewerbegebiet Vohenstein mit einem Neubau erweitert. Das Herbrechtinger Unternehmen bietet mit mehr als 600 Arbeitsplätzen ein sehr wichtiges Standbein unserer Gewerbelandschaft vor Ort. Die neueste Entwicklung ist die Betriebsverlagerung von DB Schenker von Ulm nach Herbrechtingen. Im Sommer dieses Jahres soll dieses Bauvorhaben abgeschlossen sein und inklusive Verwaltungsbeschäftigten insgesamt mehr als 100 Arbeitsplätze am Standort Herbrechtingen bieten.

Wie haben sich die Gewerbesteuereinnahmen zuletzt entwickelt? Wie ist die finanzielle Situation der Stadt generell?

Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer haben sich glücklicherweise stabil entwickelt, größere Einbrüche durch die Coronakrise sind bislang ausgeblieben. Herbrechtingen hat eine gute Steuerkraft, ist jedoch weiterhin abhängig vom kommunalen Finanzausgleich Baden-Württemberg und auf Zuweisungen und Zuschüsse angewiesen.

Die Kinderbetreuung wird immer mehr zu einem wichtigen Standortfaktor. Wie sehen Sie Herbrechtingen hier aufgestellt?

Ein bestmögliches und vielseitiges Betreuungsangebot ist uns ein herausragend wichtiges Anliegen. Wir sind mit mehr als 589 Betreuungsplätzen und einer breiten Trägerschaft grundsätzlich gut aufgestellt, haben aber mit Blick in die Zukunft auch Bedarf an einer Erweiterung unseres Angebots vor allem im Bereich der Betreuung für Kinder unter 3 Jahre. Gemeinsam mit den Trägern der Einrichtungen konnten wir in den vergangenen Monaten bereits neue Plätze anbieten, etwa durch Betriebsaufnahme unserer Naturgruppe am Ortsrand in Bolheim.

Mit welchen Angeboten wendet sich Herbrechtingen an Familien?

Dies ist eine unserer besonderen Stärken, da wir insbesondere für Familien ein sehr umfangreiches Angebot vor Ort bieten können. Neben dem Familienzentrum FamiKomm im wunderschönen Kulturzentrum Kloster bieten sowohl die Musikschule als auch die Bücherei ein Angebot speziell für Kinder und Familien. Der Förderpass der Stadt dient zur Unterstützung finanzschwacher Familien, mehrere Krabbel- und Spielgruppen, das städtische Jugendhaus, ein modernes Freizeitbad, kurze Wege zu Kitas und allen Schulen, die es gibt, sowie eine Vielzahl von kirchlich und vereinsseitig getragenen Angebote für Jung und Alt schaffen ein breites Spektrum an Möglichkeiten. In diesem Zusammenhang sei ein aktuelles Projekt erwähnt: Wir arbeiten an der Realisierung eines Mehrgenerationentreffpunkts an unserem Skaterplatz Vohenstein. Dieser wird auf Grundlage der Interessenbekundung der Nutzer und Interessierten neugestaltet und um eine Vielzahl von sportlichen Betätigungsmöglichkeiten aufgewertet, wobei die Vorstellungen und Wünsche der Nutzer die Grundlage für die Planungen bilden.

In der Region ist Wohnraum knapp. Wie ist die Lage in Herbrechtingen?

Sowohl die Nachfrage nach Wohnungen als auch die Nachfrage nach Bauplätzen ist auch bei uns in Herbrechtingen und in unseren Ortsteilen ungebrochen groß.

Welche Rolle spielt die Ausweisung von neuen Wohnbaugebieten einerseits und die Nachverdichtung andererseits?

Der Königsweg und die Herausforderung für uns wird sein, alle Möglichkeiten der Nachverdichtung auszuschöpfen. Aktuell verfolgen wir ein Projekt, welches die Ansiedlung von mehr als 40 Reihenhäusern auf einer Industriebrache im Innenbereich ermöglichen soll. Da derartige Optionen sehr überschaubar sind, wird auch weiterhin die Bereitstellung von Bauplätzen in gewissem Maß ein wichtiges Thema bleiben. Hierbei können Gedanken mit Blick auf energetisch optimierte Nullenergiequartiere oder auch – sofern möglich – die Nutzung von Nahwärmenetzen mögliche Ansätze bilden.

Die Attraktivität der Innenstädte und die Zukunft des Einzelhandels ist für viele Kommunen ein drängendes Thema. Wie ist der Stand in Herbrechtingen? Welche Konzepte verfolgen Sie?

Dieses Thema beschäftigt uns auch sehr. Neben der Thematisierung im Rahmen unseres Stadtentwicklungskonzepts Herbrechtingen 2035 sind wir aktuell teilnehmende Kommune am Programm der Innenstadtberatung, ein Angebot des Regionalverbands Ostwürttemberg und co-finanziert durch das Wirtschaftsministerium. Wir erhoffen und erwarten hieraus neue Ansätze zur Unterstützung unserer Einzelhändler mit dem Ziel der Bewahrung des bestehenden Angebots und der Wiederbelebung von Leerständen. In diesem Zug sei erwähnt, dass wir vor wenigen Wochen die seit Jahren zu großen Teilen leerstehende Ladenebene des Buigencenters erworben haben, um diese einer kommunal gesteuerten Nutzung zuzuführen.

Vor allem die Gastronomie leidet noch immer unter den Folgen der Pandemie. Wie geht Herbrechtingen diese Herausforderung an?

Als Besitzer zweier Gaststätten kam die Stadt Herbrechtingen in der Vergangenheit den Pächtern in jeder denkbaren Form entgegen, um die coronabedingten Probleme etwas abzumildern. Es ist letztlich in unser aller Interesse, dass die gastronomischen Angebote auch zukünftig bestehen.

Der Breitbandausbau ist längst eine zentrale Standortbedingung, nicht nur für Firmen, sondern auch für die Haushalte. Wie weit ist Herbrechtingen?

Trotz enormer Anstrengungen in der Vergangenheit gibt es auch auf unserer Gemarkung weiter Ausbaubedarf. Im Rahmen der Breitbandinitiative werden wir allein in den kommenden zwei Jahren mehr als sechs Millionen Euro in den Ausbau dieser Infrastruktur investieren. Daneben haben wir uns kürzlich darauf verständigt, bei Anfragen von Mobilfunknetzbetreibern auch diesen Ausbau auf kommunalen Liegenschaften aktiv zu unterstützen.

Lange wurde um den Ausbau des Bibris-Schulzentrums gerungen. Nun wurden Investitionen von 33 Millionen Euro beschlossen. Die beste Lösung?

Ja. Nach Untersuchung, Diskussion und Abwägung verschiedener Optionen, die im Rahmen von Machbarkeitsstudien beleuchtet worden sind, bin ich davon überzeugt, mit diesem Ansatz ein hervorragendes Ergebnis vorliegen zu haben. Darauf können wir aufbauen.

Welche weiteren großen kommunalen Bau- und Infrastrukturprojekte stehen in den kommenden Jahren auf dem Programm?

Die Erweiterung, Sanierung sowie der Aus- und Neubau von Kindertagesstätten und Horten. Darüber hinaus die weitere Entwicklung von Wohn- und Gewerbeflächen, im Zusammenhang mit unseren Vorstellungen zur Arbeitsplatzdichte und energetischen Vorgaben für Neubauten. Weitere Themenfelder und Schwerpunkte erwarten wir durch das Stadtentwicklungskonzept Herbrechtingen 2035 zu erfahren.

Welche Rolle spielt der Tourismus für den Standort?

Allein bedingt durch die Schönheit und den Bekanntheitsgrad unserer herausragenden und vielseitigen Kulturlandschaft bieten Herbrechtingen und die Ortsteile viele Anreize für einen Aufenthalt und einen enormen Naherholungswert. Dabei spielen Naherholungsmöglichkeiten wie das Naturschutzgebiet Eselsburger Tal, die wunderschöne Brenz sowie das Lonetal mit dem dortigen Weltkulturerbe sowie der Urweltpfad in Bolheim und große Waldgebiete eine zentrale Rolle. Diese Gegenden werden gerne als touristische Ziele angenommen.

Die Halbzeit ihrer ersten Amtszeit nähert sich. Was wollen Sie bis zum Ende der ersten Amtsperiode auf jeden Fall geschafft haben?

Die Gesellschaft lebt vom Miteinander. Verschiedene Interessenlagen zusammenzubringen, Lebensqualität zu erhalten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärke sehe ich als maßgebliches Ziel, als unabdingbare Grundlage für eine gute Entwicklung. Dabei gilt es, bestmögliche Voraussetzungen für Landwirtschaft, Handwerk, Dienstleistungs- und Gewerbebetriebe zu schaffen und im konkreten die Kindergartenlandschaft bedarfsgerecht aufgestellt zu sehen und unser großes Schulzentrum weitestgehend saniert zu haben. Entsprechend unserer ambitionierten Zeitplanung wird letzteres jedoch bis 2029 und damit über meine erste Amtszeit hinaus andauern. Daneben wünsche ich mir eine Lösung zur Festigung der ärztlichen Versorgung vor Ort zu finden und eine Neuordnung und Reaktivierung des Buigencenters West erzielt zu haben.

Die neue Bibrishalle.
Daniel Vogt, Bürgermeister der Stadt Herbrechtingen.

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