Firmen sehen "katastrophale Versorgungslage"

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Die IHK in Heidenheim.

IHK Ostwürttemberg tauscht sich über Ukraine-Krieg aus.

Heidenheim. Beim dritten Informationsaustausch der IHK Ostwürttemberg sprachen mehr als 20 Unternehmen über den Krieg in der Ukraine. IHK-Präsident Markus Maier sagte: „Die Situation spitzt sich zu – sowohl in der Ukraine, als auch im ,Wirtschaftskrieg' mit Putin in Europa. Wir müssen die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit Deutschlands aufrechterhalten, sonst ist in der Ukraine keinem geholfen.“

Frank Reitmajer, Vorstandsmitglied der EnBW Ostwürttemberg DonauRies AG, gab Einblicke in die Warnstufen der Bundesregierung bezüglich der Gasversorgung. Die Frühwarnstufe 1 bedeute, dass die Gasversorgung schwierig werden könnte und Notfallpläne vorbereitet werden. In der Stufe 2 (Alarmstufe) käme es bereits zu einer Störung bei der Gasversorgung. Der Markt wäre aber noch in der Lage, die Versorgung zu gewährleisten. Die dritte Stufe (Notfallstufe) wäre der Krisenfall. Die Bundesnetzagentur übernimmt dann die Führung und Zuteilung vor beziehungsweise die Abschaltung und Rationalisierung von Erdgas.


Russland produziere täglich 16 Terawattstunden, davon gehen 2,5 nach Europa und nur rund 1,5 Terawattstunden nach Deutschland.
„Der Staat möchte Putin an empfindlicher Stelle treffen -  aber können wir das durch eine einseitige Gasabschaltung?“, fragte Frank Reitmajer. „Wir schaden uns am meisten selbst.“

Möglicherweise könnten Floating Terminals die Lösung bei der Gasversorgung sein. Allerdings dauere es noch, bis Deutschland vorbereitet sei. Europa würde viele LNG-Terminals (LNG = Liquefied Natural Gas) für die Versorgung benötigen. Ein LNG-Schiff könne circa 1 Terawattstunde liefern.

Das Logistikunternehmen Schwarz berichtete über die rund 50-prozentige Kraftstoffpreissteigerung von Anfang Februar 2022 auf Spitzenwerte im März 2022. Aktuell sei die Versorgung im Unternehmen noch sichergestellt, da das Unternehmen Dieselvorrat vorhält. Kritischer sei die Beschaffung von „AdBlue“. AdBlue ist eine flüssige Harnstofflösung und wird bei Fahrzeugen zur Reduzierung der Stickoxidemissionen vor einem speziellen Katalysator eingespritzt. Dort reagiert sie mit den Schadstoffen und wandelt sie fast vollständig in Wasserdampf und ungefährlichen Stickstoff um. Hier gibt es zu wenige Reserven am Markt. Die Kosten sind von 0,15 €/Liter auf 0,80 €/Liter bis teilweise 4,00 €/Liter (u.a. in Tschechien) gestiegen. Aber: ohne „AdBlue“ könnten Lkw nicht mehr fahren.

Ein Bauträger gab Einblick zu den Projekten: Bei Verträgen zu laufenden Bauprojekten komme es von Handwerkerseite gehäuft zur "Störung der Geschäftsgrundlage" aufgrund nicht planbarer Preissteigerungen. Die Erhöhungen müssen künftig unter den Vertragspartnern (Hersteller/Handwerker/Bauträger) geteilt werden. „Wir sitzen in einem Boot und müssen das gemeinsam lösen“, so Horst Enßlin von der Essinger Wohnbau. Bei neuen Bauprojekte werden in der aktuellen Situation ohne Materialpreisklauseln nur noch sehr eingeschränkt Angebote von Handwerker abgegeben. Die Kalkulationsrisiken nähmen deutlich zu.

Ein Unternehmer informierte zur "katastrophalen Versorgungslage" am Palettenmarkt. Paletten und die für Paletten benötigte Maschinennägel fehlen. Zudem gebe es Höchststände bei Holzpreisen und Anti-Dumping-Zölle für Verbindungselemente. Die Paletten würden dringend zum Transport von Investitionsgütern benötigt.

IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler moderierte den Informationsaustausch: „Wir werden immer tiefer in einen Wirtschaftskrieg getrieben. Wenn das Gasembargo kommt, berauben wir uns vieler Handlungsspielräume. Deutschland und Europa müssen aber handlungsfähig bleiben.“ Zugleich wies er auf die von der IHK Ostwürttemberg herausgegebenen Informationspapiere „Energie und Industrie“, „Volkswirtschaft“ und „Lebensmittelversorgung“ sowie auf die Checkliste „Sicherheitskonzept Gas“ hin.

Die Folgen des Krieges und der Sanktionen hätten für die Unternehmen sprunghaft angestiegene Kosten für Energie, Rohstoffe, Logistik etc. zur Folge und auch Störungen in den Lieferketten und der Logistik sowie ausbleibende Rohstoffe treffen die deutsche Wirtschaft massiv. Das Thema Energieversorgung ist zu einer Frage der nationalen Sicherheit geworden.

Nachdem das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas ausgerufen hat, gilt für den Fall einer weiteren Eskalation und eines Versorgungsengpasses bei Gas sich dringend entsprechende Notfallpläne vorzubereiten. „In der Checkliste Sicherheitskonzept Erdgas sind die IHK-Empfehlungen und Vorbereitungsmaßnahmen zusammengefasst", so Thilo Rentschler.

Das Impulspapier „Energie und Industrie“ , "Volkswirtschaft" sowie die Checkliste „Sicherheitskonzept Gas“ sind online bei der IHK Ostwürttemberg hinterlegt.


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