Kurzarbeit: Varta geht in den Krisenmodus

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Der Varta-Standort in Nördlingen geht ab Dezember in Kurzarbeit. Auch am Stammsitz in Ellwangen soll gespart werden.
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Nachfrage, Umsatz und Gewinn sinken, die Kosten steigen – Der Technologiekonzern tritt deshalb kräftig auf die Bremse: Der Standort Nördlingen geht in Kurzarbeit, eine Riesen-Investition wird gestoppt.

Ellwangen

Das Unheil kündigte sich bereits vor einigen Wochen an, als die Varta vorläufige Zahlen zur Umsatz- und Gewinnentwicklung in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres veröffentlichte: Umsatz und Gewinn gehen zurück. Die Entwicklung hat nun Konsequenzen für die Standorte in der Region. Am Standort Ellwangen gehen bis zu 300 Beschäftigte in einen Betriebsurlaub über den Jahreswechsel. Härter trifft es den Standort Nördlingen: Dort werden alle befristeten Verträge nicht verlängert, die verbliebenen regulär Beschäftigten gehen ab 1. Dezember bis voraussichtlich Ende April in Kurzarbeit. Und: Die groß angekündigte Fabrik für E-Auto-Akkus in Nördlingen wird vorerst nicht gebaut. Varta hat das 500-Millionen-Euro-Projekt gestoppt.

Diese Maßnahmen hat der Vorstand des Unternehmens in einer Pressekonferenz am Dienstag angekündigt. „Die globalen Krisen und Entwicklungen gehen nicht spurlos an uns vorbei“, sagt der neue Vorstandschef Markus Hackstein, der erst vor wenigen Wochen auf Herbert Schein folgte. „Die gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten belasten unser Ergebnis. Die gleichzeitige Senkung der Abnahmemengen durch Kunden machen ein entschlossenes Handeln erforderlich.“ Mit den „Sofortmaßnahmen“ will Varta rund 40 Millionen Euro einsparen. Besonders betroffen ist der Standort Nördlingen. Dessen Auslastung lag zuletzt bei gerade mal rund 20 Prozent, wie Technikchef Rainer Hald ausführt.

Waren zu Hochzeiten 1000 Menschen in Nördlingen bei Varta beschäftigt, ist die Zahl zuletzt auf 700 gesunken. Viele befristete Verträge wurden nicht verlängert, die restlichen will Varta nun ebenfalls auslaufen lassen. Die verbliebenen 500 regulär Beschäftigen gehen in Kurzarbeit, die Arbeitszeit wird um 80 Prozent reduziert. Weitere Maßnahmen wie einen Abbau von Arbeitsplätzen schließt Varta zwar nicht aus, will aber zunächst die Entwicklung im neuen Jahr abwarten. Gestoppt ist wiederum der Bau der neuen Fabrik für E-Auto-Akkus in Nördlingen, in die Varta eigentlich 500 Millionen Euro investieren will. Der Neubau für die Rundzelle/V4Drive werde erst nach verbindlichen Kundenzusagen fortgesetzt, so Hackstein. Nicht betroffen ist die Serienfertigungsanlage in Ellwangen, wo Varta dem nicht bestätigten Vernehmen nach erste Zellen für Porsche produziert. Weitere Autobauer seien zwar interessiert, konkret ist aber nichts.

Varta ist aktuell an mehreren Fronten unter Druck. So sind die Kosten für Lithium (+600 Prozent), Cobalt (+60 Prozent), Nickel und Aluminium (jeweils + 20 Prozent) oder Zink (+15 Prozent) ebenso rapide gestiegen wie für Energie. Für die Megawattstunde Strom bezahle man 300 Euro mehr als noch vor einem Jahr, wie Finanzchef Armin Hessenberger erklärt. Gleichzeitig ist der Boom in einem für Varta so wichtigen Segment erst einmal vorbei. Vor allem kabellose Bluetooth-Kopfhörer wie etwa die AirPods von Apple fanden vor kurzem weltweit noch reißenden Absatz. Nun vergällen Inflation und drohende Rezession vielen Kunden die Lust auf neue Tech-Produkte.

„Varta wird die Herausforderungen meistern“, sagt Vorstandsmitglied Hald. Das Unternehmen verfüge über eine stabile Basis, gefragte Produkte sowie innovative Neuentwicklungen, die bald auf den Markt kommen. Vorstandssprecher Hackstein betont, dass Varta das Wachstum nach dieser Krise fortsetzen werde. Der Markt für sogenannte Wearables (wie Uhren, Kopfhörer oder Brillen) stehe zum Beispiel derzeit erst am Anfang, die Nachfrage nach den Mini-Akkus werde bald wieder anziehen. Der Vorstand rechnet zudem mit einer Entspannung auf den Energie- und Rohstoffmärkten. Gleichzeitig wolle man die Nachfrage mit neuen Projekten ankurbeln und bestehende Verträge nachverhandeln, sprich: die gestiegenen Kosten an die Kunden weitergeben.

Varta in Zahlen

Der Umsatz der Varta ist in den ersten neun Monaten 2022 um 8,3 Prozent auf 570 Millionen Euro gesunken. Das operative Ergebnis (Ebita) bricht gar um 63 Prozent auf 66,3 Millionen Euro ein. Für das Jahr 2022 geht Varta von einem Umsatz von 805 bis 820 Millionen Euro und einem Gewinn von 55 bis 60 Millionen Euro aus. Im Vorjahr lagen die Werte bei 903 Millionen Euro (Umsatz) und 283 Millionen Euro (Gewinn).

Das ehemals boomende Geschäft mit den Mikrobatterien und Lithium-Ionen-Zellen leidet derzeit besonders: Hier sinkt der Umsatz in der ersten neun Monaten 2022 um 25 Prozent, der Gewinn um 65 Prozent. Groß ist die Nachfrage nach Energiespeicherlösungen und Haushaltsbatterien: Hier steigt der Umsatz um 15,6 Prozent auf 256,5 Millionen Euro. 

Für das Geschäftsjahr 2023 erwartet der Vorstand der AG einen Umsatz zwischen 850 Millionen und 880 Millionen Euro und geht von einem bereinigten Ebitda von 90 Millionen bis 110 Millionen Euro aus.

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